Mobilität

Nichts gegen Füße! Damit kann man sich von A nach B bewegen. Stetig, aber langsam. Weil die Lebenszeit begrenzt ist, strebten die Menschen von Anfang an nach Beschleunigung, um längere Strecken in kürzerer Zeit zu bewältigen. Also dachten sie nach und erfanden Hilfsmittel, mit denen sich der Aktionsradius erweitern ließ. Da die meisten Erfindungen auch aus Bequemlichkeit gemacht wurden, sollten zu den Hilfsmitteln auch Helfer kommen, die ihre Energie und Kraft beisteuerten. Zug- und Lasttiere wie Ochsen, Esel und Pferde. Elemente wie Wind und Wasserkraft. Und technische Hilfsmittel wie Motoren. Es verwundert also nicht, wenn der kleine Harald sich zur Erweiterung seines Horizonts um Hilfsmittel bemüht.

Auf zwei Rädern

Fahrräder

In der Grundausstattung verfügt der Mensch über zwei Beine, mit denen er sich fortbewegen kann. Das ist schon mal nicht schlecht, begrenzt aber den Aktionsradius. Für mich als Kind reichte das aus, zumal ich mit Tretrollern bekanntlich nicht die besten Erfahrungen gemacht hatte. Mit meiner Augenhöhe wuchs indes auch der Wunsch, die bekannte Umgebung zu verlassen und mehr zu sehen und zu erleben. Ich mochte etwa neun bis zehn Jahre alt gewesen sein, als unserer kleinen Familie ein Großereignis ins Haus stand: Meine Eltern hatten einen Kleinkredit über 2.000 DM aufgenommen, bei der „Nordfinanz“, was mir später noch Kummer bereiten sollte. Zunächst aber waren wir wohlhabend. Es gab einen neuen Wohnzimmerschrank, einen Wohnzimmerteppich und wir begaben uns zum Fahrradhändler Blohm am Bismarckplatz. Meine Mutter bekam ein gebrauchtes Damenfahrrad in schwarz. Mein Vater übernahm ein gebrauchtes Herrenfahrrad in blau. Nun war ich dran. Da ich für mein Alter recht groß war, wurde es auch bei mir ein Fahrrad in Erwachsenengröße, Marke Kalkhoff, nagelneu, blau. Mein erstes eigenes Fahrzeug. Der Fahrlehrgang bei meinem Vater, der nicht mit Geduld gesegnet war, wurde etwas stressig, aber ich lernte schnell und wurde ein virtuoser Radfahrer. Ich erinnere mich, dass sogar die Polizei eines Tages in unserer Schule auftauchte und nicht nur unsere Fahrräder begutachtete, sondern auch wichtige Regeln zur Verwendung dieses hochmodernen Verkehrsmittels erläuterte. Zum Abschluss gab es sogar ein Zertifikat. Damit war ich mobil. Ich konnte jeden Winkel von Wilhelmshaven erreichen und sogar in Nachbarorte reisen. Wie wichtig mir diese Errungenschaft war, mag eine kleine Episode zeigen.


Lastenrad

Es war Winter und schneite heftig. Der Räumdienst kam nicht mehr gegen die Schneemassen an und, insbesondere an Kreuzungen, lagen Schneeberge, die schon zu Fuß schwer zu überwinden waren. Ich holte, wie immer, mein Fahrrad aus dem Keller und machte mich auf den Weg zur Schule. Immer wieder musste ich absteigen und das Fahrrad über die Hindernisse tragen. Auf dem Rückweg konnte ich dann keinen Meter mehr fahren und trug das Fahrrad von der Schule bis nach Hause. Intelligent? Na ja. Wer ein Fahrrad hat, ist eben kein Fußgänger mehr! 


Geschäftsfahrzeug

Mit 14 Jahren wurde ich ja, wie anderswo geschildert, Unternehmer. Ich brachte Zeitschriften zu ihren Lesern. In jeden entlegenen Winkel der Stadt. Bei Wind und Wetter. Zuverlässig jede Woche. Dazu brauchte es ein zuverlässiges Transportmittel. Mein Fahrrad. Auf dem Gepäckträger eine große Tasche zum Schutz der Zeitschriften. Die Leute hatten kein Verständnis dafür, wenn sie eine nasse Illustrierte bekamen. Der Schutz des Unternehmers war zweitrangig. Der war ja wasserdicht. Anorak, Kapuze und nasse Brillengläser. Durchaus nicht immer angenehm, eben das, was Erwachsene immer wieder als „Ernst des Lebens“ bezeichneten. Noch heute muss ich lachen, wenn ich sehe, wie Schüler in meinem damaligen Alter von Mutti die 100 Meter zur Schule gefahren werden, weil sie gefährliche Strecke nicht allein schaffen. Solche Leute werden heute Minister. Deshalb haben „moderne“ Parteien wohl heute eine „Doppelspitze“. Ob deren Dienstfahrzeuge wohl auch Doppelpedale haben? Zurück zum Radfahrer Wolff! Das Fahrrad ermöglichte mir Abstand von der elterlichen Wohnung, Freiheit. Ich war tagelang unterwegs, konnte halten, wo ich wollte. Umwege machen. Wenn ich am Bahnhof vorbeikam, leistete ich mir Melzers Bratwurst. In der Grenzstraße gab es einen Carrera-Laden. Eine große Rennstrecke für die kleinen elektrischen Modellautos mit Fernbedienung. Es gab Wettbewerbe und Autorennen. Mit kleinen Siegesprämien. Freifahrten und kleine Präsente. Weil ich mir kein eigenes Fahrzeug leisten konnte, musste ich auf die alten Kisten vom Betreiber zurückgreifen. Nicht annähernd so schnell wie die hochgezüchteten Hochglanzteile der „Profis“. Was auch ein Vorteil war. Die schnellen Autos flogen immer wieder aus der Kurve. Mein alter „Mietrennwagen“, Ford GT, war dafür zu langsam. Aber er kam an! Deshalb erreichte ich immer wieder gute Plätze und wurde von den Profis anerkannt. Das kostete Zeit, einmal die Woche einen ganzen Nachmittag. Aber wer wusste schon, wie lange ich wirklich für meine Zeitungstour brauchte? Freiheit eben. 


Schlechte Menschen

Eines Morgens ging ich in den Fahrradkeller, um mein Fahrrad, wie jahrelang gewohnt, über die Außentreppe hochzuwuchten. Man muss es erlebt haben: „Da war doch!“ „Wo ist denn?“ Weg! Einfach nicht mehr da! Aus dem Keller! Unglaublich! Ich war wieder Fußgänger. Es braucht tatsächlich einen Moment, bis man eine solche Ungeheuerlichkeit begriffen und verdaut hat. Für eine Neuanschaffung fehlten mir die Mittel. Ich ging also zu einem Trödler. Ein alter Mann, der auf einem Trümmergrundstück einen Schuppen hatte, in dem er alte Sachen reparierte (oder repariert aussehen ließ). Dort fand ich ein häßliches altes Fahrrad in schwarz. Für 25 DM. Mehr konnte und wollte ich nicht ausgeben, zumal ich schon 15 war und mich auf ein Moped freute, für das ich mit 16 den Führerschein Klasse IV machen konnte und wollte. Trotzdem fuhr ich sofort zum Fahrradgeschäft und kaufte mir ein Zahlenschloss. Für 20 DM. Der Diebstahl hatte mich vorsichtig gemacht. Das sollte nicht wieder passieren. Einige Tage später kam ich nach der Schule zum großen Fahrradabstellplatz zurück und wollte mein Fahrrad abholen. Was fand ich vor? Das Fahrrad! Ohne Schloss! Man hatte mir das Schloss geklaut. Respektlos sowas! Egal, ab diesem Moment ließ ich das Fahrrad überall ungesichert stehen. Sowas klaute niemand.


Schlechte Mädchen

Ich war nicht nur ein virtuoser Radfahrer, sondern auch ein cooler Typ. Das hieß damals nur noch nicht so. In dieser Eigenschaft passierte ich auch eine Gruppe Mädchen vor der Volksschule Katharinenfeld. Freihändig auf dem Fahrrad, wie es sich für einen Könner gehört. Eines der Mädchen verhalf mir dann zu einem Abflug, indem es das Fahrrad am Gepäckträger festhielt. Ich landete auf dem Gesicht. Im Ergebnis verkürzte sich der Schneidezahn, der schon mit dem Tretroller Kontakt gehabt hatte, um ein weiteres Stück. Der verhältnismäßig unbeschädigte andere Schneidezahn hatte fortan einen Sprung. Mein Ego auch. Böse Mädchen!


Zündapp

Kaum war ich 16 geworden, schon begann für mich das Motorzeitalter. Ich hatte sofort den Führerschein gemacht und kaufte mir ein Moped. Gebraucht. Sehr gebraucht! Für 50 DM. Es war eine alte Zündapp, Typ weiß ich nicht mehr. Hatte auch wenig Ähnlichkeit mit dem Prospekt. Aber blau. Immerhin! Ca. 1,5 PS, Zweisitzer. Für mutige Beifahrer. Das Ding lärmte und stank, brachte mich aber von A nach B. Schneller als das Fahrrad. Ca. 40 - 50 km/h. Allerdings verstärkte sich ein Problem: Der Antrieb rutschte immer öfter durch. Alles lief. Motor in Ordnung, Kette ok, nur die unbändige Kraft kam nicht auf die Straße. Wieso? Aus dem Getriebe kommt eine Welle mit einem Ritzel drauf, mit dem die Kraft auf ein Zahnrad übertragen wird, das die Kette antreibt. Die Vorlegewelle. Auf der war das Ritzel rund. Keine Zacken mehr. Also auch keine Kraftübertragung. Also radelte ich zum Zweiradhändler, kaufte eine neue Vorlegewelle mit Zacken und baute diese ein. Kein Problem. Eigentlich. Im Getriebe soll Öl sein. Draußen nicht. Die Vorlegewelle steckt im Getriebe und geht nach draußen. Also braucht man eine Dichtung. Weil die Welle sich bewegt, ist das eine spezielle Dichtung. Ein Simmering. Das ist ein innen sehr glatter Gummiring in einem Metallrand mit einer Feder, der sich eng an die Welle anschmiegt. Den musste man über das zackige Ritzel schieben und zack - kaputt. Um es kurz zu machen - nach einigen Tagen gab es in ganz Wilhelmshaven keinen einzigen Simmering der passenden Größe mehr zu kaufen. Ich hatte sie alle zerstört. Bis auf einen. Letzte Chance! Nun schaltete ich das Gehirn ein. Ich schnitt mir aus einer leeren Öldose eine Art Trichter, den ich über das Ritzel legte und so den Simmering unbeschadet darüber ziehen konnte. Man hätte mir ruhig sagen können, dass es für so etwas ein Werkzeug gibt. Das allerdings hatte die Tankstelle, an der ich „jobbte“, seit ich 15 war, nicht. Nun fuhr das Moped wieder. Einige Monate. Dann löste sich das Getriebe komplett auf. Für mich irreparabel. 


Auf dem Schrottplatz fand ich ein ähnliches Modell. Rot. Noch älter, mit dem 1,2 PS-Motor. Der allerdings hatte einen Zylinderkopfschaden und das Moped war vorneherum kaputt. Ich vereinigte also das Vorderteil meines Mopeds mit dem Hinterteil des „Neuerwerbs“ und setzte Zylinder und Zylinderkopf vom blauen Moped auf den anderen Motor. Klappte soweit ganz gut. Bis auf eine Kleinigkeit. Der Zylinder war ein kleines Bisschen zu kurz, so, dass der Kolben den „oberen Totpunkt“ nicht erreichte und blockierte. Wie verlängert man einen Aluminiumzylinder? Ich versuchte es mit aufeinandergelegten Dichtungen, die ich selbst zuschnitt. Das löste das Längenproblem. War aber nicht ganz dicht. Es pfiff durch. Also klebte ich die Dichtungen zusammen. Das hielt. Bis der Motor warm wurde. Dann warf der Klebstoff Blasen und es pfiff wieder. Schließlich sägte ich eine Scheibe aus einer Bakelitplatte und das hielt tatsächlich. Ich konnte wieder fahren. Bis …


So ein Zweitaktmotor braucht Öl. Ein Öl, das man in das Benzin mischt. Es schmiert den Motor und verbrennt mit dem Benzin. Idealerweise. Oder es verklebt den Auspuff. Das äußert sich dann durch entsprechende Geräusche und Leistungsabfall. Kann man hören und fühlen. Leicht zu beheben: Man nimmt den Auspuff ab und kratzt die Sauerei raus. Seeehr dreckig. Ruß und Öl. Einfacher geht es mit Feuer. Ein Schluck Benzin in den Auspuff, anzünden, abkühlen lassen, weiterfahren. Wir stellen uns also eine Fahrt des jungen Harald zur Tanzstunde vor: Frisch gewaschener Knabe, graue Stoffhose, weißes Hemd, blauer Blazer, Krawatte. Blubb Blubb Motor aus. Harald steigt ab, nimmt Schraubenzieher und Putzlappen aus dem kleinen Werkzeugfach, schraubt den Auspuff ab, zieht Benzinschlauch ab, füllt etwas Benzin in den Auspuff, zündet an. Natürlich am Straßenrand oder auf einem unbebauten Grundstück. Eine ölige, schwarze Rußwolke, dann ein „sauberer“ Auspuff. Kurz abkühlen lassen, anbauen, weiterfahren. Mit sauberen Händen und Sachen. Routine. Wäre mit dem Fahrrad wahrscheinlich schneller gegangen. Aber nicht so cool. 


Nach gelungener Transplantation wollte ich mein Moped natürlich vorführen. Ich fuhr also vor den Haupteingang der Schule und bremste dort. Und begab mich über den Lenker kopfüber auf das Straßenpflaster. Peinlich! Aber, dank Helm, glimpflich. Was war passiert? Der Bowdenzug der Vorderradbremse war mir bei der Transplantation zu kurz geraten. Deshalb ging der Draht nicht gesittet geführt durch den Bowdenzug, sondern zog direkt und blockierte die Bremse. War jetzt nicht sooo schlimm. Aber es wurde Zeit für ein Auto! Da kann man im Sitzen leiden.

Wir reden hier über Begebenheiten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts! Dazu gibt es durchaus Bildmaterial. Aber nicht von mir. Es fehlte mir schlicht an der notwendigen Ausstattung. Man hatte eben kein Handy dabei, mit dem man jeden bedeutsamen Anblick wie das heutige Mittagessen für die Ewigkeit oder wenigstens die Nachwelt dokumentieren konnte. Weil diese, meine Erinnerungen, aber eben authentisch meine Erinnerungen sein sollen, verwende ich hier nur eigenes Bildmaterial, allenfalls gescannte Fotos aus Familienbesitz. Deshalb gibt es für diese Phase meines Lebens eben keine Fotos.

Auf vier Rädern

Es gibt ja fanatische Zweiradfahrer. Und es gibt mich. Ich hatte auf Zweirädern so ziemlich jede Unbill des Wetters erlebt. Pannen zum ungünstigsten Zeitpunkt und peinliche Momente. Meine „Berufstätigkeit“ an der Tankstelle hatte mich darüber hinaus früh mit Autos vertraut gemacht. Mit vier Rädern und einem Dach über dem Kopf. In solch einem Kasten war man wenigstens geschützt, wenn man bei Sauwetter eine Panne hatte. Und man kippte nicht so leicht um. Ich sagte „nicht so leicht“! Geht aber schon auch. Dazu später!

Wie an anderer Stelle beschrieben, war der Tankstellenpächter und Autovermietstationbetreiber daran interessiert, meine wertvollen Dienstleistungen auch im Autoverkehr zu nutzen. Er finanzierte mir daher den Führerschein gegen drei Sonntagsdienste an der Tankstelle. Fair! Übrigens nur wenige Monate, nachdem mein Vater seinen Führerschein erworben und sein erstes Auto gekauft hatte. Eine gebrauchten Opel Rekord P2, babyblau mit cremefarbenem Dach. Mit meiner profunden Kenntnis aller Regeln (auch aus meiner Vorbereitung für den Führerschein Klasse IV) konnte ich ihm beistehen und für mich selbst war die theoretische wie die Fahrprüfung „ein Spaziergang“. 


NSU Prinz II, grün

Nun hatte ich den Führerschein, konnte oft und gern die Mietwagen bewegen, wollte aber auch ein eigenes Auto. Für teure 100 DM erwarb ich einen NSU Prinz II in durchaus mäßigem Zustand. Aber er fuhr. Und das hörte man auch! Die Zulassung war das erste Problem. Ich war nämlich erst 18 und damals wurde man mit 21 volljährig. Die Anmeldung musste also von meinem Vater unterschrieben werden, der sich recht spröde anstellte. Unter anderem mit dem dezenten Hinweis, dass er wohl seine Führerscheinprüfung ohne meine Hilfe kaum bewältigt hätte, konnte ich ihn zur Unterschrift bewegen. Unter Schmerzen! 


Gut, ich hatte ein zugelassenes, eigenes Auto und donnerte los. Für einen Zweizylinder mit 600 ccm und 20 PS klang er recht kernig. Das lag daran, dass, schon beim Vorbesitzer die beiden Endrohre vom Auspufftopf abgebrochen waren. Er hatte kurzerhand ein Blech über die ausgerissenen Löcher genietet und passende Löcher anstelle der Endrohre gebohrt. Das funktionierte, sorgte aber für den sonoren Klang und einen bemerkenswerten Spritverbrauch von ca. 20 Liter auf 100 Kilometer bei einer Spitzengeschwindigkeit von 105 km/h. Damals nicht ganz so ruinös bei ca. 0,40 DM pro Liter. Da das Auto giftgrün war, lackierte ich die Felgen quittegelb. Man erkannte mit allen Sinnen, wer da kommt. 


Damals hatte ich eine Freundin, die eher etwas kräftiger gebaut war. Sehr sehr lieb. Schwesternschülerin mit Zimmer im „Mutterhaus“ beim Landeskrankenhaus Sanderbusch. Mangels eigener Rückzugsorte besuchte ich sie mehrfach dort. In kürzester Zeit war ich dann mehrfach aus dem Mutterhaus geflogen. Letztlich begleitet von sehr drastischen Drohungen auch gegen die Lernschwester. Also unterließ ich die Besuche lieber. Aber wir hatten ja ein Dach über dem Kopf. Mein Auto. Temperament hatten wir auch. Nun war ja so ein uralter Prinz auch etwas rostanfällig. Besonders unten. Auf dem Bodenblech waren die Sitze verschraubt und mein Fahrersitz hing schon etwas durch. Bei forsch gefahrenen Kurven sprühten schon mal die Funken durch Bodenkontakt. Eines Abends hatten wir wieder einmal ein einsames Plätzchen angesteuert, um unsere erotischen Erfahrungen zu vertiefen. Die Umsetzung dieses Plans brachte es mit sich, dass die Last auf meinem Sitz sich kurzfristig mehr als verdoppelte. Mit Schwung. Das war zu viel für den betagten Unterboden und der Sitz krachte durch. Obwohl das Auto nicht sehr groß war, stellte die Rückfahrt durchaus eine Herausforderung dar. Es gelang mit einem gestreckten Fahrer vom Rücksitz aus. Eine Reparatur war bei diesem Schadensbild illusorisch. Immerhin brachte das Wrack später noch 50 DM von einem Kleingärtner, der das Auto zunächst als Spielzeug für seine Kinder haben wollte und dann dem Auto das Dach absägte und den Innenraum bepflanzte. Hochbeet anno 1969. 


NSU Prinz II, grau

Ein neues Auto musste her! Ich fand einen Prinz II in grau, der besser in Schuss war. Für 170 DM. Mit Radio! Super! Leider fing er ziemlich schnell an, zu schwächeln. Die Dynastart-Anlage war ein geniales Teil, das sowohl als Anlasser, als auch, quasi rückwärts, als Lichtmaschine funktionierte. Wenn sie funktionierte. Das stellte sich bei meinem Neuerwerb als Problem heraus. Nun hatte ich ja noch meinen ersten Prinz. Noch nicht verkauft und deshalb als Ersatzteillager zu nutzen. Der hatte eine intakte Dynastart-Anlage. Also hier raus und da rein. Es gab bei der Umsetzung ein kleines Problem: Ich hatte mir die Reihenfolge der Kabelanschlüsse nicht wirklich zuverlässig gemerkt. Falsche Verkabelung kann einen Kurzschluss auslösen und durchaus zerstörerisch wirken. Was tun? Ich borgte mir bei der Tankstelle ein fahrbereites Auto und machte mich in der Stadt auf die Suche nach einem NSU Prinz II. Tatsächlich fand ich irgendwo am Straßenrand das passende Pendant zu meinem Gefährt. Motorhaube auf (damals ging das noch so einfach), Kabelanschlüsse abgemalt (Handy? - 40 Jahre später!) und zurück zu meiner Baustelle! Kabel angeschlossen und - zack! - funktioniert! Nun hatte mein alter Prinz ja auch noch eine ordentliche Batterie. Also baute ich die auch gleich aus und stellte sie hinter den Fahrersitz meines nun fahrbereiten Neuerwerbs. Sicher ist sicher! Man weiß ja nie!


Ich hatte nämlich noch einiges vor mit dem Auto. Nach dem Ende der Schulzeit und vor Beginn meiner Sparkassenlehre gab es ein Zeitfenster von einigen Monaten. Im Sommer. Damals war einer meiner Mietbrüder (wir erinnern uns an meine Zeit bei „Tante Dorchen“ in Travemünde) in den Semesterferien als Saisonkellner in einem Hotel in Schönberger Strand bei Schönberg bei Kiel beschäftigt. Der Hotelier benötigte dringend einen Softeisverkäufer für die Saison. Mich. Empfohlen durch „Süßer“ (So sein Spitzname in der Familie. Das hatte allerdings nichts mit seiner sexuellen Orientierung zu tun. Aber sowas von nichts!). Harte Arbeit gegen gutes Geld für meine damaligen Verhältnisse. Ich fuhr also mit meinem Reisemobil nach Schönberger Strand. Rund 350 Kilometer von Wilhelmshaven. Gemütlich und ohne Probleme. Dort ging ich meiner Tätigkeit nach. Zwei Carpigiani Softeismaschinen waren parallel zu bedienen und penibel sauber zu halten. Schöne Teile aus Edelstahl mit einer kleinen Schwäche. Der Kühlung. Zuerst kam schönes, cremiges Softeis heraus, das ich kunstvoll in die Waffeln füllte. Nach zwei, drei Portionen wurde es weicher, dann kam nur noch flüssige Plörre. Also musste ich die Leute hinhalten, bis die Kühlung ihren Job machte. Mit launigen Sprüchen. Manchmal stand eine ganze Schlange Eisfreunde da und wartete. Das Eis war nämlich auch wirklich gut. Eines Tages stand Howard Carpendale, ein junger Nachwuchskünstler, der in der nahegelegenen Strandhalle am Abend ein Konzert zu geben hatte, in der Warteschlange. Ich bin sicher, dass sein Studium meiner Alleinunterhalterkunst seiner Karriere genützt hat. Netter Kerl übrigens. Der Arbeitstag ging von 10:00 Uhr morgens bis 22:00 Uhr abends. Im Stehen. Mit kurzen Pausen zum Essen und umgekehrt. Durchaus anstrengend. Trotzdem musste auch mal ein Diskoabend drin sein. In Schönberg. Ich war zusammen mit dem Sohn des Hoteliers dort und kam spät in der Nacht zurück. Mit meinem Auto. So schnell es eben ging. Ich musste ja am nächsten Tag arbeiten. Es ging zu schnell! Das war aber auch eine saublöde Beschilderung! Vor der S-Kurve auf der Landstraße stand eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 km/h. Am Boden, kaum sichtbar. In der Kurve, beim Richtungswechsel kam dann die Begrenzung auf 30 km/h. Ich war mit Höchstgeschwindigkeit, rund 100 km/h, unterwegs. Nicht gut! Das Auto kippte um, drehte sich auf dem Dach liegend im Kreis und wir lagen von innen im Dach. Kletterten durch ein Seitenfenster hinaus und ich musste mir noch hämische Bemerkungen der hinzugekommenen Schwätzer anhören. Immerhin halfen sie, das Auto wieder auf die Räder zu stellen. Dabei brach ich mir einen Fingernagel ab. Der einzige Personenschaden. Das Dach hatte seine Form von konvex in konkav geändert. Die Antenne war auf Dachhöhe gekürzt. Der Außenspiegel war abgebrochen und die Fahrertür ließ sich nicht mehr öffnen. Also stieg ich über die Beifahrertür ein und fuhr nach Hause zum Hotel. Das Weichei von Hotelierssohn lief nach Hause. Am nächsten Morgen erwartete mich noch eine Überraschung: Meine Jeans hatte sich an entscheidenden Stellen aufgelöst und ich hatte einige braune Flecken auf der Haut. Wir erinnern uns an die Ersatzbatterie? Die war im Innenraum herumgeflogen, geplatzt und hatte Batteriesäure verspritzt. Schwefelsäure. Nicht schön. Im Auto gab es weiße Säurepilze und die Polster hatten Löcher. Es roch nicht gut. Trotzdem hatte ich nur dieses Auto und musste damit zwei Wochen später wieder nach Wilhelmshaven fahren. Wegen des Geruchs mit offenen Fenstern, ohne Außenspiegel, mit verklemmter Fahrertür. Das Dach hatte ich ausgebeult, indem ich es, auf den Vordersitzen liegend, mit den Füßen hochgedrückt hatte. Die Fahrt verlief zufriedenstellend, aber das Auto gefiel mir nicht mehr so recht. Ich verkaufte es für 150 DM. Immerhin hatte es ein Radio. Der Sachschaden des Überschlags belief sich also auf 20 DM und eine Hose. Zu verkraften!


VW Käfer, weiß 

Wieder musste ein neues Auto her! Ich fand einen VW Käfer, weiß, 30 PS. Für 800 DM von Helge, einem Taxikollegen, gekauft. Das erste Modell ohne geteilte Heckscheibe. Der leistete mir fortan gute Dienste. So auch die legendäre Fahrt nach Amsterdam, die meine Beziehung zu Monika festigte. 


Als ich im zweiten Lehrjahr war, 1970, musste ich routinemäßig, wie alle Lehrlinge unserer Sparkasse, für eine Woche zu einem Lehrgang der Sparkassenschule Hannover in eine Jugendherberge nach Gailhof bei Hannover. Damals war Unpünktlichkeit eine Todsünde, insbesondere im Zusammenhang mit der Sparkassenschule, vor deren Autorität auch der Vorstand unserer Sparkasse größten Respekt hatte. Schließlich ging es um den guten Ruf unseres ehrwürdigen Instituts, der entscheidend vom Verhalten des Nachwuchses abhing. Ich fuhr also sehr frühzeitig mit meinem Käfer in Wilhelmshaven los. Ohne Probleme ging es über Bremen bis zu einer langgezogenen Steigung auf der Autobahn bei Walsrode. Nachdem ich die Strecke bis heute unzählige Male mit den verschiedensten Autos gefahren bin, bemerke ich die Steigung heute kaum noch. Zwischen 30 und 200 PS besteht schon ein gewisser Unterschied. Damals war das ein durchaus beachtliches Hindernis. Mein Käfer knatterte die Steigung wacker hoch. Anfangs. Dann ging das wackere Knattern in ein beunruhigendes Scheppern über und dann in ein kraftloses Stöhnen bis zum letzten Seufzer. Gleichzeitig zog ich eine Ölspur hinter mir her. Ich hatte soeben den Exitus meines Motors erlebt. Nun kam der ADAC zum Einsatz, der mir nur mit einem Abschleppdienst helfen konnte. Auf den musste ich erst lange warten und dann brachte er mich und mein Wrack auf einen Abstellplatz nach Verden/Aller. Erst dort fand ich ein Telefon, von dem ich die Funktionäre meines Seminars von meiner drohenden Verspätung informieren konnte. Wir schrieben das Jahr 1970! Nix Handy, nix Kreditkarte und Mietwagen für einen armen Lehrling! Selbst ein Ferngespräch von der Telefonzelle kostete ein Vermögen. Ein Taxi hätte mich ein Monatseinkommen gekostet. Also reiste ich per Bus und Bahn an. Um Stunden verspätet. Man heuchelte Verständnis, aber ich bekam deutlich zu spüren, dass ich der Exot war „der, der zu spät gekommen war“. Nun denn, die Woche ging vorbei, ich hatte an Sparkassenexpertise gewonnen und musste nach Hause. Per Bahn. Dort angekommen, konferierte ich mit meinem Freund Matschki (der von Stirnimus). Der hatte von seinem Vater zum Abitur einen nagelneuen Renault R4 bekommen. Am nächsten erreichbaren Wochenende fuhren wir damit nach Verden. Dort hängten wir meinen invaliden Käfer per Abschleppseil an den mit 34 PS kraftstrotzenden R4. Mit diesem Gespann fuhren wir dann eher gemächlich über Bundes- und Landstraßen nach Wilhelmshaven. Die Autobahn zwischen Bremen und Wilhelmshaven gab es noch nicht. Eine solche Aktion wäre heute völlig undenkbar. Schleppen! Mit Seil, ohne Stange! Ohne Anhängerführerschein! Ja, die gute alte Freiheit!


Nun stand er da, mein Käfer. Äußerlich unversehrt, aber bewegungsunfähig. Ein neuer Motor musste her. Also auf zum Ersatzteillager, vulg. Schrottplatz! Dort fand ich tatsächlich die sterblichen Reste eines Käfers, blau. Der hatte einen angeblich funktionsfähigen Motor. Nicht direkt neu. Erste Generation mit 24,5 PS. Ich zahlte 50 DM und baute den Motor aus. Das war damals nicht so kompliziert: Einen Klotz unter den Motor stellen. Alle Verbindungen lösen und das Auto anheben. 4 Mann 4 Ecken! War ja nun kein Motor mit anzuheben und andere Teile fehlten auch schon. Der Motor blieb auf dem Klotz stehen und wurde in den R4 gehievt. An der Tankstelle (Esso am Rathaus, mein Teilzeitarbeitsplatz) ging es schon eleganter zur Sache. Mein schöner Käfer wurde in die Halle geschoben und mit der Hebebühne angehoben. Bierkiste o.ä. unter den Motor, Verbindungen gelöst, Auto angehoben, alter Motor weg, neuer hin. Verbindungen wiederherstellen, fertig! Er fuhr wieder. Immerhin! Es war zwar nicht die perfekte Harmonie zwischen den entfernten Baujahren. Hier etwas Öl, da ein Klappern, aber er lief tatsächlich. Nur, so richtig warm wurde ich mit dem Krüppel nicht mehr.

Wölffchen Frost
Apropos warm: Der Käfer hatte seinen Motor hinten. Luftgekühlt. Zur Heizung wurde die Abwärme des Motors über so genannte Heizbirnen aufgefangen und per Heizungsschlauch nach vorne in den Fußraum und unter die Scheiben geführt. Von hinten nach vorne. Da helfen Lüftungsschlitze ohne kräftiges Gebläse wenig. Bis die ehemals warme Luft vorne angekommen war, war sie schon wieder kalt. Auch das Klima wusste damals noch nichts von seiner Erwärmung. Morgens war es im Winter durchaus sehr kalt. An der Küste auch noch feucht. Also Eis kratzen für freie Sicht. Von außen. Nun atmet man ja gelegentlich, auch im Auto. Heizung? Siehe oben! Also musste man während der Fahrt auch von innen das Eis von der Frontscheibe kratzen. Beheizbare Sitze? Beheizbares Lenkrad? Sehr witzig! Winter im Auto vor über 50 Jahren: Mini-Außenspiegel, nur links. Mini Heckscheibe, beschlagen oder zugefroren. Trübe 6-Volt-Funzel als Hauptscheinwerfer. Rudimentäre Straßenbeleuchtung. Mit Mütze, Winterjacke und Handschuhen am Steuer. Und dann noch von innen Eis kratzen. Wir waren Helden! Wussten wir aber nicht. War ja Alltag. 


Der zweite weiße Käfer

Zurück zu meinen Autos! Ich verkaufte den Veteranen für 500 DM und wagte den großen Sprung. Es folgte ein jüngerer Käfer, wieder weiß, 34 PS. Für 2.300 DM. Der war nun wirklich zuverlässig und trug uns problemlos durch die Lande. Ja, ich sagte „wir“! Ich war nun fest mit meiner Monika zusammen. Mein ganzer Stolz war das riesige Kofferradio, das mit einer Halterung unter dem Armaturenbrett befestigt war. In Kopenhagen wurde es gestohlen. Nach unserer Verlobung, 1972, trug uns der Käfer klaglos auf den Spuren von Stirnimus bis an den Rand der zivilisierten Welt, nach Montenegro, an die albanische Grenze. Der einzige Schaden war der Verlust einer Blumendekoration auf der Motorhaube. Ein Zigeunermädchen (damals hießen die so!) hatte die Folie abgezogen, die bunte Blume eingesteckt und einen hässlichen Fleck im Lack hinterlassen. Na ja, es gibt Schlimmeres. Rund 4 Jahre nach meinem Autodebüt hatte ich ein alltagstaugliches Gefährt. Bis kurz vor der Hochzeit.


Der erste Neuwagen

Im Frühjahr 1973 gehörten Monika und ich bereits zum Establishment. Wir waren beide solide Sparkassenangestellte, wollten heiraten und ich stand kurz vor dem Einstieg in die Offizierslaufbahn. Das verlangte nach einem neuen Auto. Einem Neuwagen! Monika hatte früher mit ihren Eltern in Bockhorn gewohnt. Am Markt. Gegenüber gab es einen Renault-Händler. Janssen. Ein netter Mensch, der Monika schon sehr lange kannte. Der zeigte uns den neuen Renault R5 TL, orange, mit enormen 44 PS. Wir waren begeistert. Ein modernes Auto mit Heckklappe, vergleichsweise riesigem Kofferraum, Frontmotor/-antrieb, Wasserkühlung (Heizung!) und einer Höchstgeschwindigkeit von sensationellen 135 km/h. Wir bekamen ihn für günstige 7.200 DM. Der VW wurde irgendwie verkauft. Ich habe vergessen, wie. Unsere erste Reise mit dem neuen R5 führte uns nach Rømø. Der dänischen Insel nördlich von Sylt. Dort durfte man sogar mit dem Auto an den Strand fahren. Taten wir auch. Zum Glück gab es freundliche Helfer, die uns halfen, den Wagen freizuschieben, als das Wasser kam. Wer weiß denn auch, dass der befahrbare Sand aufweicht, bevor man die Flut kommen sieht? Der Wagen war toll, aber schwimmfähig war er nicht! Trotzdem eine wunderschöne Reise! 


Unsere Hochzeitsreise führte uns nach Jugoslawien, Istrien. Im April über verschneite Alpenpässe. Für viele Jahre unsere längste Urlaubsreise. Sechs Wochen! Nach unserer Rückkehr begannen die Vorbereitungen für den nächsten Lebensabschnitt. Ich sollte im Juli bei der Bundeswehr einrücken. Monika vereinbarte mit ihrem Chef bei der Bremer Landesbank eine Änderung der Kündigungsfrist und konnte nun täglich gehen. Am 3. Juli 1973 war es soweit. Ich fuhr allein mit dem R5 nach Roth bei Nürnberg. Drei Monate Grundausbildung als Offiziersanwärter. Die Details habe ich anderswo erzählt. Schon einen Monat danach fing Monika in München bei der Bank of America an. Innerhalb von wenigen Tagen hatte sie den tollen Job gefunden und ich ihr ein Zimmer in München beschafft. Nun fuhr ich, wann immer ich konnte, am Wochenende zu Monika. Einmal war ich nach einer 36 Stunden-Übung so übermüdet, dass ich bei der Autobahnausfahrt München Schwabing in der Kurve einschlief und gegen den Bordstein knallte. Aus dem Vorderreifen wuchs ein beachtlicher Ballon und die Felge war total im Eimer. Aber ich war wieder wach, wechselte das Rad und kam mit einer Viertelstunde Verspätung an. Später, an der Offiziersschule in Neubiberg bei München waren unsere Vorgesetzten vernünftiger, aber ich nicht. Nach der seeehr anstrengenden Woche Überlebenstraining verboten sie uns, mit dem Auto nach Hause zu fahren. Ich war sehr stinkig deswegen, weil ich ja fast um die Ecke wohnte. Allerdings zu Fuß recht schwierig zu erreichen. Mein Vorgesetzter ließ sich beeindrucken und erlaubte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, eine Ausnahme. 


Zweimal R16
Nun waren wir ja Kunden bei Renault und brachten unseren Liebling regelmäßig zur Inspektion. Damit waren wir natürlich auch registriert und erhielten Einladungen zu den Vorführungen und Verkaufsevents. So auch vom Autohaus Hanauer in München. Es gab Sekt und Häppchen. Und eine völlig unverbindliche Probefahrt mit einem Renault R16 TS. Die Leute wussten, wie es geht! Das war natürlich ein Quantensprung - hier ein zweitüriger Kleinwagen mit 44 PS, da eine Mittelklasselimousine mit 83 PS. Damals ein Symbol für Komfort und moderne Ausstattung. Blaumetallic mit grauen Velourssitzen. Und, mit einer Spitzengeschwindigkeit von 165 km/h gehörte man damals zu den Königen der linken Spur. Bei der Autovermietung hatte ich Autos wie den Ford Capri, der als Sportwagen galt, Ford 17m, Opel Rekord und andere Mittelklassewagen gefahren. Das waren lahme Krücken dagegen. Kurzum, wenige Wochen später fuhr ich R16 TS. Ein Wermutstropfen war die Entdeckung, dass man mir offenbar ein Haldenfahrzeug angedreht hatte, das schon rund ein Jahr auf einen Käufer gewartet hatte. Bei der damaligen Rostanfälligkeit nicht akzeptabel. Nach recht energischem Schriftverkehr bekam ich einen echten Neuwagen. Die gefahrenen Kilometer wurden verrechnet. So weit, so gut. Die nunmehr recht ockerfarbenen Sitze gefielen mir weniger gut. Eher schlecht war der enorme Spritverbrauch. Mit dem „alten“ rund 9 Liter auf 100 km, der neue brauchte 15 Liter. Ein extra angereister Renault-Ingenieur unterstellte mir eine ruppige Fahrweise. Zum Beweis baute er ein Messgerät in den Wagen ein und fuhr selbst. Er brauchte über 20 Liter. Es folgten unendliche Einstellversuche mit wahnsinnig modernen Gerätschaften und mäßigem Erfolg. Besser konnte es der Meister Hartl in Dießen am Ammersee. Er war Rallyefahrer auf Renault gewesen und stellte den sehr komplizierten Vergaser nach Gefühl und Gehör ein und schaffte es, den Verbrauch ohne Leistungsverlust wieder auf ca. 10 Liter zu senken. Mit zunehmender Nutzung drangen auch diverse Qualitätsmängel ins Bewusstsein. Es war schön gewesen mit den beiden komfortablen Reisewagen. Nun jedoch stand mir der Sinn nach solider deutscher Qualität.


Jahreswagen

Ich war inzwischen Leutnant mit recht ordentlichem Gehalt. Mit 24 Jahren immerhin in der Gehaltsgruppe, die mein Vater bei seiner Pensionierung erreicht hatte. Monika verdiente sehr gut bei der Bank. Da war ein Mercedes doch wohl angemessen. Allerdings waren die so gefragt, dass es lange Lieferzeiten gab und man auf einen Neuwagen locker 5 Jahre warten konnte. Nun gab es damals bei Mercedes die freundliche Angewohnheit, den Werksangehörigen die Möglichkeit zu einem lukrativen Nebenverdienst zu geben. Diese konnten regelmäßig einen Neuwagen mit erheblichem Rabatt erwerben, den sie nach einem Jahr mit immer noch spürbarem Nachlass und, wichtig, ohne Lieferzeit weiterverkaufen konnten. Da entwickelten sich sogar langfristige Symbiosen dergestalt, dass der Werksangehörige schon bei seiner Bestellung Kontakt mit seinem späteren Käufer hatte und „sein“ Auto genau nach den Wünschen des späteren Abnehmers bestellte. Es war nicht leicht, sich als Neuling in dieses System einzufädeln. Entsprechende Kontakte wurden durchaus verschwiegen behandelt. Nun war ich ja nicht allzu schüchtern. Ich besorgte mir über das Telefonbuch die Nummern der Zentrale des Mercedeswerks in Stuttgart und erfuhr über die  Durchwahlnummern einiger Abteilungen das System der Telefonanlage. Dann wählte ich einfach eine Durchwahl, die diesem System entsprach und traf auf einen freundlichen Gesprächspartner, den ich auf seinen Jahreswagen ansprach „… ich habe gehört …“. Der freundliche Mitarbeiter bedauerte, er habe seinen Wagen schon versprochen, aber ein Kollege … Er verband mich mit dem Kollegen und der hatte tatsächlich das passende Auto, das er in wenigen Wochen verkaufen würde. Einen 200 D „Strich 8“, blau mit hellen Sitzen, „Papyrus“. Wenige Kilometer gelaufen, bestens gepflegt, zum akzeptablen Preis. Wir wurden uns schon am Telefon handelseinig und verabredeten einen Termin zur Übergabe. Als der große Tag kam, setzen Monika und ich uns aufgeregt in den Zug nach Stuttgart. Der Verkäufer holte uns am Bahnhof ab und lud uns in ein Restaurant zum Essen ein. Wir aßen, unterhielten uns gut und erledigten die Formalitäten. Dann brachten wir ihn nach Hause und er ließ sich nicht nehmen, den Wagen noch auf seine Kosten vollzutanken. Die Heimfahrt mit unserem neuen Auto war eine einzige Freude. Selten haben wir uns so glücklich und zufrieden gefühlt. Der ganze Tag war eine Offenbarung! Ich fuhr dieses schöne Auto fünf Jahre lang, bis der gleichzeitig bestellte Neuwagen kam. Eines der besten und zuverlässigsten Autos, die ich je hatte.


Mercedes 280 SE, rot, Chevrolet Camaro, verrückt, Mercedes 280 S, seriös

Der Diesel hatte mich in eine Fahrzeugklasse katapultiert, die ich wegen des Komforts und der Qualität nicht mehr missen wollte. Wie erwähnt, eine perfekte Wahl. Allerdings nicht ganz so dynamisch, wie ich mich selbst sah. Trotzdem hatte ich den Kauf nie bereut. Dann schlug das Schicksal zu. Ein Geschäftsfreund hatte sein Auto, einen Alfa Romeo, aus irgendeinem Grund  zum Autohaus Häusler gebracht. Das Autohaus hatte damals eine Niederlassung am Maximiliansplatz in München. Und hatte auch die Vertretung für die Marken Opel und Chevrolet. Ich begleitete meinen Kollegen mit meinem Mercedes dorthin, um ihn abzuholen. Während ich auf ihn wartete, schaute ich mir die ausgestellten Fahrzeuge an. Ein Auto war besonders auffällig: Ein Vorführwagen, Chevrolet Camaro „Rallye Sport“, weiß, mit schwarzem Design. Mit dem „kleinen“ Achtzylinder, 5,7 Liter Hubraum, 170 PS, Automatik, Servolenkung, Klimaanlage. Es gab eine denkwürdige Probefahrt in der Münchner Innenstadt. Ich kam von einem behäbigen 55 PS-Diesel ohne Servolenkung und der Camaro war eine ganz andere Liga. Drehmoment 113 Nm beim Diesel zu 366 Nm beim Camaro! Etwas länger und breiter war er auch. Bis ich mich daran und an die Servolenkung und Automatik gewöhnt hatte, brauchte ich im Altstadtringtunnel alle vier Spuren. Für die Kaufentscheidung holte ich natürlich Monika hinzu. Die brauchte nicht lange. Das Auto war auch ihr Traum. Gekauft! Wir hatten viel Spaß damit. Nicht nur bei der Reifenpanne mit Radwechsel (Notrad) an einem Sonntag in Meran, direkt auf der Zufahrt zum Grand Hotel Emma. Auch die spannenden Fahrten bei Schnee- und Eisglätte mit Sommerreifen bleiben in Erinnerung. Die Erfahrung, dass mich nach einer Autobahnfahrt mit ca. 200 km/h das Gefühl beschlich, das Auto würde humpeln, war ebenfalls neu. Die Überprüfung ergab eine Riesenbeule in der Lauffläche eines Reifens, der sich in Auflösung befand. Die (bis dahin) Werkstatt meines Vertrauens hatte mir Reifen aufgezogen, die für die Gewichts- und Geschwindigkeitsklasse nicht zugelassen waren. Billig, aber lebensgefährlich!


Damals verkaufte ich Häuser für eine Gesellschaft eines Architekten in Grünwald bei München. Recht erfolgreich. Eines Tages sprach dieser mich an, ob ich wirklich allen Ernstes mit einem solchen „Angeberauto“ zu Kunden fahren würde. Das sei ja wohl nicht angemessen. Ich entgegnete, der bestellte Mercedes sei ja noch nicht da und ein anderes Auto hätte ich nicht. Er aber! Er hatte aus Gründen, die ich vielleicht noch schildere, einen etwas älteren, aber sehr seriösen, Mercedes 280 S Automatik, weiß, den er nicht nutzte, in seinem Fuhrpark. Den bekam ich, zuerst leihweise, dann kaufte ich ihn zu günstigen Konditionen. Also fuhr ich jetzt abwechselnd mit zwei Autos, die damals als Luxuskarossen galten. Und dann stand die Lieferung des vor 5 Jahren bestellten Mercedes bevor. Ich sollte nun die endgültigen Details festlegen. Modell, Farbe, Ausstattung. Nun hatten sich unsere Ansprüche von der robusten Schlichtheit des 200 D entfernt. Wir hatten uns an Kleinigkeiten wie Automatik, Klimaanlage, Servolenkung usw. gewöhnt. Kurz, es wurde ein 280 SE. Mit Automatik, Klimaanlage, elektrischen Fensterhebern, Ledersitzen usw. Ein Traum! Dunkelrot mit hellbraunen Ledersitzen „Leder Dattel“. Eines der ersten Autos am Markt mit ABS. Nicht ganz billig, aber durchaus seriös. Eines der schönsten und besten Autos, die ich je hatte. Hätte ich nie verkaufen sollen! Habe ich aber. Nach fünf Jahren an einen Amerikaner, der ihn nach Florida exportierte und mir später ein Foto schickte, wie er am Intracoastal Waterway bei Fort Lauderdale vor seiner Jacht stand. Nette Leute. Problemlose Abwicklung mit Bargeld und Reiseschecks nach einem gemeinsamen Oktoberfestbesuch. Der natürliche Nachfolger 1985 wäre ein 300 SE gewesen. Der war mir mit über 100.000 DM dann aber doch zu teuer und wir stiegen auf das Konzept SUV/Van (damals hießen SUV noch „Geländewagen“) plus Cabrio um, das wir dann viele Jahre beibehielten.

Monika mobil
Monika hatte ja damals zuerst einen Ford Fiesta, weiß, gehabt, dem nach einer intensiven Begegnung auf einer Kreuzung ein weiterer Fiesta, blau, gefolgt war. Dieser wurde Opfer eines spektakulären Hagelschauers, der zu einem Totalschaden führte. Dann kam ihr erstes Cabrio, ein roter Ford Escort. Es kamen noch weitere schöne Autos. Saab 9000 Turbo, Saab 900 Turbo Cabrio, einer rot, einer blau, Chrysler Grand Voyager, weiß, BMW 730i, schwarz. Das rote Saab Cabrio hat übrigens die kleine Fahrerin nach einem Überschlag (der Länge nach!) bei 160 km/h bis auf einige Schrammen unbeschädigt zurückerstattet. Das Auto hatte deutlich mehr Schrammen.

Neben diesem großen Glück gab es noch weitere kleine Wunder nach diesem Unfall: Der Verschluss von Monikas teurer goldener Ebel-Uhr war abgerissen und die Uhr wurde weder von der Polizei noch vom Abschleppdienst gefunden. Als Monika mir spät nachts nach ihrer Rückkehr per Bahn den Hergang schilderte, war sie wegen dieses Verlusts völlig verzweifelt. Ich holte das Wrack am nächsten Tag mit dem Anhänger vom Abschleppunternehmen ab  und schaute mir auf dem Weg die Unfallstelle an der A9 bei Würzburg an. Bei der Begehung trat ich auf etwas Hartes im Straßengraben und, siehe da, ich förderte Monikas Uhr zu Tage. Dieser materielle Schaden fand schon mal nicht statt. Das „Mobiltelefon“ Siemens C 2 (ca. 4 kg, Neupreis komplett rund 9.000 DM), in einer Wechselhalterung im Kofferraum angeschlossen, war geplatzt und aus dem Inneren hingen Drähte heraus. Ich nahm das Telefon, stopfte die Drähte hinein, drückte das Gehäuse zurecht und steckte das Telefon in die Wechselhalterung meines Nissan Patrol GR Station. Es funktionierte noch jahrelang ohne Probleme. Der weitere Glücksfall lag am Kalender. Damals galt für die Vollkaskoversicherung die Regelung, dass die komplette Neuanschaffung bezahlt wurde, wenn das Auto zu mindestens 50 % zerstört und weniger als ein Jahr zugelassen war, oder zu 70 % vor Ablauf von zwei Jahren. Der Saab wäre in einer Woche zwei Jahre zugelassen gewesen! Der Gutachter hörte irgendwo bei 80 % auf, zu rechnen. Bei dem Schaden durchaus nachvollziehbar. Die Versicherung bezahlte also anstandslos rund 92.000 DM für das nagelneue blaue Saab Cabrio. Sogar Monikas weißes, goldbesticktes Jeanskleid konnte gerettet bzw. gereinigt werden.

Inzwischen bin ich in Autoangelegenheiten ruhiger geworden. Mein Touareg hat jetzt 12 Jahre und über 200.000 km auf dem Buckel und Monikas Citroen Gran Picasso hatten wir vor 16 Jahren neu gekauft. Heute halten Autos länger als vor 50 Jahren. Auch die zentralen Interessen im Leben haben sich deutlich verlagert. Trotzdem gab es viele schöne Momente im Zusammenleben mit meinen Autos, die ich nicht missen möchte. 


Wolffs Umweltbewusstsein

Heute wird ja viel über die Umwelt nachgedacht und es werden alle möglichen Maßnahmen verzapft, um möglichst wenig Schaden anzurichten. Dieses Bewusstsein ist auch bei mir im Laufe der mittlerweile 55 Jahre meiner Teilnahme am Autoverkehr stetig gewachsen. Wobei natürlich zu bedenken ist, dass Dreckschleudern wie meine ersten Autos in absoluten Zahlen noch eher selten waren und mit dem Anwachsen des Straßenverkehrs auch immer mehr Maßnahmen zu Reduzierung der Schadstoffbelastungen getroffen wurden. Es wäre m.E. deswegen durchaus verfehlt, anzunehmen, dass die wenigen „Schädlinge“ der früheren Jahre größere Schäden verursacht haben, als der weltweite Massenverkehr heute. Mein heutiger Touareg ist fünfmal so schwer wie mein Prinz und hat die mehr als zwölffache Motorleistung. Dafür verbraucht er weniger als ein Drittel an Kraftstoff, und reinigt die Abgase auf vielfältige Weise. Die Motorsäge meines Gärtners macht heute mehr Dreck als mein Auto. Der früher beliebte Selbstmord durch Autoabgase kommt heute nicht mehr vor, weil der Delinquent eher verdurstet oder ihm der Sprit ausgeht. Das alles ist natürlich nicht mein Verdienst, aber auch ich habe natürlich ein Interesse an guter Luft und bemühe mich, meinen Beitrag zur Luftverschmutzung so gering wie möglich zu halten. Ein Beispiel:


„Bahn oder nicht Bahn, das ist keine Frage“
Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte ich ja den Langstreckentraumwagen Mercedes 280 SE abgegeben und damit auch mein Reisekonzept geändert. Langstrecken wollte ich nunmehr per Bahn bewältigen. Die damaligen ICs waren durchaus komfortabel und pünktlich. Mir gefielen die plüschigen Speisewagen mit echten Kellnern in schwarz/weiß. So fuhr ich denn mit meiner Monika und unserem Hund Willi per Bahn von München Richtung Wilhelmshaven, um die jeweilige Familie zu besuchen. Quer durch Deutschland. Mehr als 10 Stunden. Da kann schon mal ein leichter Hunger aufkommen. Also gingen wir fröhlich in den Speisewagen. Kurz! Wir flogen nämlich direkt raus. Auf die rüdeste Art. Willi war nämlich kein Blindenhund und deshalb auf dem Fußboden ein Hygienerisiko. Ok, wir unterbrachen die Fahrt in Hannover, gingen eine Runde mit dem Hund und aßen etwas. Dann ging es mit dem nächsten Zug weiter. Trotzdem ärgerte uns die sehr unfreundliche Behandlung. Es kam nämlich noch hinzu, dass der Hund den halben Fahrpreis kostete und keinerlei Aufenthaltsrecht hatte. Selbst der Aufenthalt auf dem Fußboden war von Wohlwollen abhängig. Hätte sich ein anderer Fahrgast beschwert, so sagten die Bedingungen, hätten wir trotz bezahlter Fahrkarten und Reservierung das Abteil verlassen müssen. Kurioserweise kostete der Hund bei den häufigen Rabattaktionen doppelt so viel wie unsere Reise für zwei Personen, weil sein Preis nicht rabattfähig war. Aus meiner Sicht war unser Umweltexperiment an der Realität der verfügbaren Alternativen gescheitert. Es dauerte keine vier Wochen, bis ich einen neuen, schnellen Reisewagen hatte. Einen Saab 9000 Turbo mit einer Spitzen-/Reisegeschwindigkeit von 220 km/h. Viel Platz, komfortabel, Telefon. Das verkürzte die Fahrzeit um fast die Hälfte. Wir konnten anhalten und essen, wann und wo wir wollten und es gab weder unfreundliches Personal noch stinkende Mitreisende in unserem Abteil. Bis heute lieben wir diese Art, zu reisen. Öffentlicher Fern- und Nahverkehr ist super, wenn er funktioniert. Flugreisen vermeiden wir, wenn möglich. Eng, unbequem, Wartezeiten, Gepäckbeschränkungen, lange Fußwege. Meistens können wir uns inzwischen ja Zeit nehmen. Wenn wir per Auto von der Costa Blanca nach München oder Hamburg fahren, nutzen wir dort gern den öffentlichen Personennahverkehr mit seinem dichten Netz und den attraktiven Tarifangeboten. Auch innerhalb Spaniens ist der komfortable und pünktliche AVE eine gute Alternative. Mangels europäischer Integration sind Bahnreisen zwischen Spanien und Deutschland eher etwas für Abenteurer.

Ein Hinweis zu dem Bild vom NSU Prinz 2:
Dieses Bild ist als einziges nicht von mir. Weil ich von diesem, meinem zweiten Auto, kein Foto habe, stammt dieses aus dem Fotoarchiv von Audi. Danke dafür! 
Mein Prinz 2 sah ähnlich aus, hatte aber zum cremefarbenen Dach eine anthrazitfarbene Karosserie. 

Flieger Wolff

Nach meinem Dienstantritt bei der Luftwaffe erhielt ich den Dienstgrad „Flieger“. Klar, war ja die Luftwaffe. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass ich etwa zum fliegenden Personal gehörte oder künftig gehören würde. Einfach ein Dienstgrad. Danach wurde man ja in allen Waffengattungen „Gefreiter“, unabhängig davon, ob man gefreit hatte oder nicht …

… 

Tatsächlich erwarb ich während meiner Dienstzeit weder irgendeine Pilotenlizenz noch nennenswerte Flugerfahrung. Ein „Einweisungsflug“, eingezwängt zwischen Fallschirm auf dem Rücken und dem engen Rücksitz und einer viersitzigen Piaggio von der Offiziersschule aus brachte mir schöne Draufsichten bayrischer Sehenswürdigkeiten und eine volle Tüte. Der Pilot hatte Spaß daran, uns aus ruhigem Geradeausflug auf z.B. das Schloss Neuschwanstein hinzuweisen, indem er das Flugzeug urplötzlich steil in die Kurve legte, auf das Objekt der Begierde zuschoss und die Maschine dann abfing. Fand er witzig. Ich nicht! Nun gut, als Nachschuboffizier eines fliegenden Verbandes, des Lufttransportgeschwaders 61 mit Transall Flugzeugen, hatte ich natürlich mehrfach Gelegenheit zum Mitflug. Auch im Cockpit, aber nur als Passagier. Schön, aber passiv. 
 
 Viele Jahre später, als Zivilist, stach mich der Hafer. Ich wollte aktiv fliegen. Mit einem Ultraleichtflugzeug (UL). Davon gab es grundsätzlich zwei verschiedene Prinzipien. „Dreichachsgesteuert“ wie ein Flugzeug oder „Schwerkraftgesteuert“ wie ein Motorrad, auch „Trike“ genannt. Ich entschied mich für Letzteres, auch, weil es in Eggenfelden, für mich erreichbar, eine Flugschule dafür gab. So ein Gerät sieht aus wie ein Gartenstuhl auf drei Rädern. Hinten ein Motor mit Propeller und darüber ein Dreieckssegel wie bei einem Drachenflieger. Sehr leicht und äußerst stabil mit modernen Materialien. Damals brauchte man dafür keinen regulären Pilotenschein, sondern eine UL-Lizenz, die vom DULV, dem Deutschen Ultraleichtflugverband nach durchaus strengen Regeln erteilt wurde. 
 
Ich absolvierte also 60 Stunden Theorie mit abschließender Prüfung, erwarb nebenher, freiwillig, eine Sprechfunklizenz und begann mit dem praktischen Unterricht. Das sah dann so aus, dass der Flugschüler, in dem Fall ich, vorne auf dem Stuhl des Trike Platz nahm und der Fluglehrer dahinter, so erhöht, dass er über den Schüler hinweg schauen konnte. Dabei hatte der Schüler die Lenkstange in der Hand und der Lehrer bediente den Gashebel. Im Notfall konnte der Lehrer in das Gestänge greifen und korrigieren. In unsere Helme waren Sprechgarnituren eingebaut, mit denen wir trotz des Motor- und Propellerlärms kommunizieren konnten. Alles sehr simpel. Bewegte ich die Lenkstange nach rechts, drehte das UL sich linksherum und umgekehrt. Drückte ich die Stange nach vorn, hob sich das Segel und das UL stieg und wurde langsamer, zog ich sie heran, beschleunigte das Gerät und verlor an Höhe. Das war schnell zu begreifen. Auch, dass es sinnvoll ist, die richtige Bewegung im richtigen Moment zu machen. Es war nämlich nicht so lustig, zu beschleunigen, wenn ein Hindernis überflogen werden sollte oder, beim Start zu früh zu drücken, weil man zwar kurz Höhe gewann, aber gleich wieder unten war, wenn man zu langsam unterwegs war. Alles Übungssache. Nach einigen Flugstunden zu zweit, wurde es Zeit für meinen ersten Alleinflug. 

Der erste Alleinflug 

Nachdem der Fluglehrer, Conny, mich für tauglich befand, stand mein erster Alleinflug an. Eigentlich keine große Sache. Nur eine Kleinigkeit: Der erste Alleinflug fand mit einem anderen Gerät statt. Einem Einsitzer, „Ranger“, dem ersten in Deutschland überhaupt zugelassenen UL. Wie auch der Zweisitzer „Enduro“ konstruiert und gebaut von meinem Theorielehrer Bernd Schmidtler. Nach meiner Erinnerung hatte der Ranger einen Hirth-Motor, einen modifizierten Rasenmähermotor mit 20 PS. Heutige Quellen nennen den stärkeren König-Motor mit immerhin ca. 25 PS und einer Zuladung von maximal 115 kg. Ich wog damals mit Ausrüstung, Helm, Funk, Stiefel, Overall, ca. 100 kg. Beim Start nicht völlig unknapp, zumal kurz nach dem Abheben hohe Bäume zu überwinden waren. Man saß auf einem Segeltuchsitz, aufgehängt zwischen zwei Rohren, die man unter den Armen hatte. Nach der Landung wurde mit den Füßen am Boden gebremst. Meine warmen Moonboots waren nach wenigen Flügen hinüber und ich wechselte über normale Sportschuhe schließlich zu den wunderbar bequemen und robusten Springerstiefeln, die ich mir nach dem Feuerzwischenfall beim Überlebenstraining privat gekauft hatte. Die waren auch als Bremsklötze unschlagbar. Wegen des Fahrt- und Propellerwinds trug ich einen winddichten Skioverall und Skihandschuhe. Dazu einen BMW-Motorradhelm mit Klappvisier und Sprechgarnitur. 

Nun gut, es ging los. Hatte ich erwähnt, dass der einzelne Heckpropeller einen ziemlichen Drall erzeugt und das UL zur Seite drehen will? Ich hatte den Gashebel ja bisher nie bedient, nur der Fluglehrer. Nun stemmte ich beide Beine fest in den Boden und zog den Gashebel hoch, bis das UL bei Vollgas vibrierte und loslegen wollte. Dann nahm ich die Füße hoch und das Gerät „raste“ vorwärts - und drehte nach links. Dabei rasierte ich die Holzpflöcke der Startbahn um und verlor den Rückspiegel, mit dem ich den Pegel im Benzintank kontrollieren konnte. Nun war ich aber mal unterwegs, korrigierte die Richtung, gab weiter Vollgas und hob ab. Gewann laaangsam an Höhe. Vor mir die hohen Bäume. Bis zum letzten Moment hielt ich die Nase unten, um maximale Geschwindigkeit zu erzielen und erst kurz vor den Bäumen drückte ich die Lenkstange nach vorne, hüpfte über die Bäume und verlor direkt dahinter wieder an Höhe, Das war dann auf der Platzrunde leicht auszugleichen. Der Fluglehrer verlor kein Wort über den Zwischenfall. Immerhin hatte ich die Nerven behalten. So, jetzt durfte ich allein fliegen. Bis zu praktischen Prüfung und Aushändigung der Lizenz hatte ich etliche Überlandflüge zu absolvieren und sowohl vorgegebene Ziele zu erreichen, als auch nach Hause zurückzufinden. Navi? Gab es noch nicht. Man faltete eine Papierkarte auf den richtigen Ausschnitt und befestigte sie mit Weckgummis am Oberschenkel. Wenn man dabei nicht sorgfältig vorging, verschwand die Karte nach hinten durch den Propeller und man ließ einen Konfettiregen hinter sich. Das Navigieren war durchaus interessant. Nachdem kein roter Pfeil oder ein Blip auf der Karte den aktuellen Standort anzeigte, musste man die Landschaft aufmerksam im Auge behalten. War man zu lange abgelenkt, fehlten die Bezugspunkte. Die Landschaft war ja nicht beschriftet. Es kam tatsächlich vor, dass UL-Flieger (und wohl auch andere) vor einem Ortseingang herunter gingen, um das Ortsschild zu lesen. Ich hatte mit alldem kein Problem. Auch von Außen-/Notlandungen blieb ich verschont. Unsere Motoren waren ja anfangs noch nicht so richtig perfekt. Unser Fluglehrer musste immer wieder ausrücken, um einen verlorenen Schüler zurückzuholen. Bei den gutmütigen Flugeigenschaften unserer Flieger waren Landungen auf der Wiese nicht so dramatisch. Aber - finde immer gleich die richtige Wiese! Einmal ausgewählt, musste man den anvisierten Notlandeplatz nehmen. Für Korrekturen fehlt ohne Antrieb die Höhe und damit die Zeit. Von oben sieht ein Maisfeld gern einmal aus wie eine Wiese. Die Landung darauf ist allerdings einer Tracht Prügel nicht unähnlich. Auch ein frischgepflügter Acker sieht von oben schön glatt aus. Pilot und Flugzeug danach nicht unbedingt. Wir fanden es immer lustig, wenn ein Anruf von irgendeinem Bauernhof kam, man hätte wieder Beute gemacht und man möge den Bruchpiloten und sein Gerät mit dem Anhänger abholen. Manchmal flog Conny das Teil auch selbst zurück, nach stillschweigendem Einverständnis der Flugsicherung, da Außenstarts ja grundsätzlich genehmigungspflichtig waren. Man sah den jeweiligen Hauptdarstellern jeweils gut an, wo sie gelandet waren. Mir selbst ist nur einmal der Motor im Endanflug abgestorben. Ich hatte nicht wahrgenommen, dass der Fluglehrer vor dem Start den Choke gezogen hatte, weil der Motor noch nicht warm war. Also absolvierte ich den Flug mit gezogenem Choke und der Vergaser verölte, bis der Motor ausging. Die Landung war kein Problem, aber ich stand nun hilflos auf der Landebahn, konnte allein nicht aussteigen und das Ul aus dem Weg schieben. Überschaubare Dramatik. 

Ein furchtbarer Unfall 

Unendlich viel schlimmer war ein anderes Ereignis in 1988, das allen mittelbar oder unmittelbar Beteiligten ewig in schrecklicher Erinnerung bleiben wird. In Vorbereitung eines Flugtages auf dem Flugplatz Eggenfelden wollte eine Rotte Tornados der Luftwaffe Überflüge im Tiefstflug üben. Diese Überflüge wären beim Flugtag spektakuläre Highlights für die flugbegeisterten Zuschauer gewesen. Damit das auch gut klappte, sollte geübt werden. Also meldeten sich die Tornados über die Frequenz des Towers von Eggenfelden an, sie wollten in Kürze erscheinen, ob alles frei wäre. Der Tower antwortete, es sei alles frei bis auf einige ULs im Endanflug von einem Überlandflug. Das wäre ja in wenigen Minuten erledigt. Die Tornadopiloten drehten daraufhin noch eine Schleife, um die Landung der ULs abzuwarten. Der Leiter der Flugschule hörte den Funkverkehr mit und schrie über Funk, der Überflug dürfe keinesfalls stattfinden bis seine Flugschüler sicher gelandet seien. Als der Mann vom Tower abwiegelte, das sei ja kein Problem, rannte Conny wütend zum Tower hoch und versuchte, den Flugleiter zum Abbruch zu bewegen. Das gelang nicht und er verließ den Tower, um die Sache vom Vorfeld zu beobachten. Inzwischen hatten die Tornado-Piloten erneut nachgefragt, ob alles frei sei. Der Tower antwortete, es sei noch ein UL im Endteil. Auf Rückfrage „bleibt der unten?“, hieß es „ja, wahrscheinlich!“ Er blieb nicht unten. Er hatte ein Problem beim Landeanflug, das ihn veranlasste, durchzustarten und sein UL wieder hochzuziehen. Ein ganz normaler, alltäglicher Vorgang, völlig korrekt vom Piloten. Der Flugleiter war aus dem Tower ins Freie getreten, um den Überflug zu beobachten. Als er sah, dass der Flugschüler wieder hochzog, versuchte er, ihn durch verzweifelte Gesten zum Abbruch zu bewegen. Man muss dazu wissen, dass sich im Tower, unmittelbar in Reichweite des Flugleiters eine Lichtkanone befindet, mit der im extremen Notfall rote Blitze abgefeuert werden, die dem Piloten signalisieren, sofort, unter allen Umständen, zu landen. Draußen hatte er die Möglichkeit nicht. 

Gleichzeitig kamen die Tornados im Tiefstflug in unter 70 m Höhe und mit über 800 km/h herangedonnert. Vorsichtshalber leicht versetzt zur Landebahn. Ein fataler Irrtum! Ein kurzer Blick in das Flugplatzhandbuch hätte sie informiert, dass es in Eggenfelden neben der Hauptlandebahn aus Beton eine Graslandebahn für die ULs gab. Dahin waren sie ausgewichen. Unmittelbar vor dem Tower kam es zum Zusammenstoß. Das UL wurde samt Piloten völlig zerfetzt. Der schockierte Conny musste mitansehen, wie der Helm des Piloten mit dessen Kopf darin vor ihm auf den Boden knallte. Der Tornado-Pilot fragte über Funk „what happened?“ (was ist passiert?) und bekam zur Antwort „you had a collision with an Ultralight“ (Sie hatten eine Kollision mit einem UL) und flog anschließend seine schwer beschädigte Maschine mit einem Triebwerk zur Notlandung zum Fliegerhorst Erding. Der Spiegel hat die Ereignisse anlässlich des Prozesses ein Jahr später zusammengefasst.
 https://www.spiegel.de/politik/wir-kommen-a-c813bd7a-0002-0001-0000-000013495320 

Der UL-Pilot, Norbert Mahler, gehörte zu der Crew, mit der ich meinen Flugschein machte. Er war 32 Jahre jung und betrieb einen kleinen Pflegedienst in Germering bei München. Ich hatte mich mit ihm etwas angefreundet und er war noch wenige Tage zuvor bei mir gewesen, um etwas über das Immobiliengeschäft zu erfahren, das ich betrieb. Unmittelbar nach dem Unfall wurde die Flugschule für einige Wochen geschlossen, bis eindeutig erwiesen war, dass den Fluglehrer keine Schuld traf. Gleichzeitig wurde angeordnet, dass ULs künftig mit Funk ausgerüstet werden müssten. 

Unfassbar schäbig und übel war nachher die Reaktion der Behörden und der Bundeswehr. Die tatsächliche Verantwortung wurde unter den Teppich gekehrt. Die Witwe wurde mit der Schadenersatzforderung für den beschädigten Tornado mundtot gemacht. Sogar für die Bestattungskosten wurde ihr der Gerichtsvollzieher ins Haus geschickt. Sie musste für den Pflegedienst Konkurs anmelden, schlug wegen der Schadenersatzforderungen das Erbe ihres Mannes aus und lebte dann von der Sozialhilfe. Wie die Sache für sie letztlich ausging, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. In solchen Momenten schämt man sich, ein Deutscher zu sein! 

Unsere Ausbildung wurde einige Wochen nach dem Unfall fortgesetzt, ich bekam nach erfolgreicher Prüfung die UL-Pilotenlizenz und hatte später noch viel Freude an diesem Hobby. 

Conny, der Fluglehrer, war nach dem traumatischen Erlebnis nicht mehr derselbe. Er bildete sich zum Berufspiloten fort und machte die entsprechenden Scheine. Ich hörte, dass er Stunts für Filmproduktionen flog. Er blieb aber weiterhin der UL-Fliegerei verbunden.

Nur Fliegen ist schöner 

Ich selbst mietete mir in der Folgezeit immer wieder ein UL, meistens ein, gegenüber dem Ranger modernes „Fair Fax“, und nahm auch an gemeinsamen Ausflügen teil. Eine besonderes schöne Erinnerung habe ich an ein „Fluglager“ auf einem Platz in Bruckmühl bei Bad Aibling. Dort gab es bei einem Bauernhof eine offizielle Zulassung für eine Wiese als Landeplatz. Noch aus der Kriegszeit. Etwas heikel bei Landungen, weil man nur in eine Richtung anfliegen konnte, auch mit dem Wind. Wunderbare Atmosphäre, traumhafte Umgebung. Das Fliegen war so entspannt wie selten. Navigation war so einfach wie nie. Alpen links = Westkurs. Alpen rechts = Ostkurs. Alpen unsichtbar = Nordkurs usw. Unverwechselbare Landmarken waren zudem die Autobahnen, das Inntaldreieck und der Chiemsee. Dort war Aufmerksamkeit gefragt, weil kurz dahinter die Flugverbotszone vor dem damals noch intakten Eisernen Vorhang anfing. Bei dem herrlichen Wetter waren auch Heißluftballons unterwegs, die ich bei Begegnung in gebührendem Abstand umkreiste und mit den Ballonfahrern Grüße winkte. Besonders intensiv war auch die Annäherung an den Wendelstein. Mit dem UL musste ich ja eine Mindestflughöhe von 150 und eine Maximalhöhe von 400 Metern einhalten. Das konnte ich tun, indem ich mich dem Berg seitlich näherte und so nah an den Gipfel kommen konnte. Ein tolles Gefühl, den Wald und die Wiesen zu riechen und dabei den Wanderern zuzuwinken. Ohne mühsamen Anstieg zu Fuß. 

Eher mulmig war mir bei einem Flug nahe Altötting zumute, als ich innerhalb meines Höhenkorridors zwischen 150 und 400 Metern vor mich hinflog und die Aussicht genoß. Plötzlich flogen zwei Tornados unter mir hindurch. Für mich lautlos und ohne Vorwarnung, weil ich ja meinen Motor und Propeller im Rücken hatte. Die hatten zwar ihre Tiefstflugstrecke unterhalb von 150 Metern, aber man weiß ja nie! Siehe oben. 

UL und Umwelt 

Während der „UL-Phase“ in meinem Leben konnte ich übrigens hautnah die intensiven Bemühungen von Bernd Schmidtler, dem UL-Pionier, und anderen Ingenieuren und Tüftlern erleben, das UL-Fliegen umweltfreundlicher und sicherer zu machen. Unermüdlich waren sie dabei, die Motoren sauberer und zuverlässiger zu machen, die Propellergeräusche zu reduzieren und die Konstruktion stabiler zu machen. Es gab Versuche, das Gewicht von luftgekühlten VW-Motoren zu reduzieren, wassergekühlte BMW-Motorradmotoren zu modifizieren, hochentwickelte Rotax-Motoren zu verwenden, um von den schwachen Motorsägen und Rasenmähermotoren wegzukommen. Bernd hatte einen alten Chevrolet-Van zur Messstation ausgebaut. Auf dem Dach befestigte er die Tragflächen und beschleunigte das Ungetüm auf der Start-/Landebahn auf Höchstgeschwindigkeit bis ggf. die Konstruktion brach. So fand er Schwachstellen und konnte Verbesserungen vornehmen oder empfehlen. Seine Erkenntnisse waren auch entscheidend für die Zulassung von ULs. Schon damals war Umweltschützern jede Art von motorisiertem Hobby oder Naturgenuss suspekt. Der „Lärm“, der in 150 Metern Höhe verursacht wurde, war am Boden nämlich allenfalls als leises Summen zu hören. Also mussten andere Gründe her. So behaupteten sie, dass der Schatten überfliegender ULs Wildtiere in Panik versetzen würde. Ich machte einen einfachen Test: Als ich ein Waldgebiet überflog, entdeckte ich ein Rudel Rehe auf einer Lichtung. Also flog ich so darüber, dass der Schatten meines UL die Rehe erreichte. Das versuchte ich aus allen Richtungen. Ich ging sogar verbotenerweise tiefer, um mehr Geräusch zu verursachen. Die Rehe ignorierten mich völlig, hoben nicht einmal den Kopf. Hasen waren auch nicht empfindlicher. Die An- und Abreise der Delegierten zu einem Umweltkongress verursacht wahrscheinlich mehr Dreck als alle ULs der Welt zusammen. 

So gern ich diesem Hobby nachging und so gern ich daran zurückdenke, irgendwann hörte ich damit auf. Meine kleine Monika war dafür absolut nicht zu begeistern, also fuhr ich immer wieder allein nach Eggenfelden. Oft auch mit Hund, weil Monika sich aus beruflichen Gründen nicht um ihn kümmern konnte. Ein temperamentvoller Hund auf einem Flugplatz! Mit drehenden Propellern! Nicht nur gut! Ich musste ihn außerhalb der Gefahrenzone anbinden und ihn während meiner Flüge allein lassen. Auch, wenn die Leute sehr freundlich zu ihm waren, ging das so auf Dauer nicht. Hinzu kam, dass Eggenfelden von München aus nicht der nächste Weg ist und ich immer wieder erlebte, dass ich angereist war und wegen starken Windes nicht fliegen konnte. Es gab am Flugplatz ein Wetterpänomen, eine „Leewalze“, Abwinde von der nahegelegenen Hügelkette, die für starken Seitenwind sorgten. Den „richtigen“ Flugzeugen machte das nicht so viel aus, aber die ULs mit ihrem geringen Gewicht, den vergleichsweise riesigen Flächen und mickrigen Motörchen wurden dadurch stark beeinträchtigt. Größere Ausflüge schieden aus, weil Monika nicht mitmachte. Trotzdem hatte ich auch im Urlaub schöne Erlebnisse. Einmal sah ich in der Nähe von Scalea in Kalabrien ein UL am Himmel. Ich folgte ihm bis zu seinem Landeplatz. Dort traf ich den Piloten, einen sympathischen jungen Mann, der sich auf einer Wiese einen kleinen Flugplatz mit behelfsmäßigem Tower eingerichtet hatte. Von dort machte er Rundflüge und hatte Spaß daran, mit seinem UL direkt zu Strand zu fliegen, dort zu landen und nach kurzem Aufenthalt bei den Bikiniträgerinnen wieder zu entschweben. Er war so freundlich mich auch einmal fliegen zu lassen und wir haben uns gut unterhalten. Ähnlich war es in der Nähe von Soulac sur Mer an der Girondemündung in Frankreich. Wir standen dort mit unserem Wohnwagen und ich sah ein UL fliegen. Auch hier folgte ich den Spuren bis zum Flugplatz. Wieder ein freundlicher junger Mann. Wieder ein Flug. Diesmal allerdings als „Copilot“, weil ich keine Einweisung für dieses dreiachsgesteuerte UL hatte, also mit Seiten-/Quer- und Höhenruder. Trotzdem ließ er mich unter seiner Aufsicht an die Pedale und den Steuerknüppel und wir hatten einen wunderbaren Flug über diesen eindrucksvollen Teil der Atlantikküste. 

Diese tollen Erfahrungen konnten aber mein Problem mit der erforderlichen Zeit und dem notwendigen Einsatz nicht lösen. Deshalb ließ ich meinen Schein verfallen und blieb wieder auf der Erde. Schade, aber Erfahrungen und Erlebnisse, die ich nicht missen möchte. Bis auf das Eine.


Zur damaligen Zeit, Ende der 80er, mussten Luftaufnahmen noch umständlich genehmigt werden. Actioncams wie die GoPro gab es genauso wenig wie Handys. Man hätte also aufwendige, schwere  Technik mitnehmen und befestigen müssen. Deshalb habe ich nur einige wenige Fotos vom Boden. Einen Eindruck vom Spaß, den ich hatte, vermittelt dieses Youtube-Video, natürlich mit einem moderneren Trike und heutiger Aufnahmetechnik: 

https://youtu.be/bmoGWYw8ExA?si=gRpJj7sHSwl2yfKv