Brieseallee 30
Meine konkrete Erinnerung an Birkenwerder setzt mit der Wohnung meiner Großeltern in der Brieseallee 30 ein. Sie bewohnten dort das Dach/Obergeschoss einer ehemals respektablen Villa. Im Erdgeschoss lebten zwei Familien und im Untergeschoss eine weitere Familie. Es gab ein rundes „Turmzimmer“, das als „gute Stube“ selten benutzt wurde, eine große Küche, ein Balkonzimmer, mit Zugang zum großen Balkon/Dachterrasse und ein Schlafzimmer mit einer erhöhten Nische, die eine Spiegelkommode und das Waschbecken beherbergte. Da es in der ganzen Wohnung nur einen Kaltwasserhahn in der Küche gab, wurde das Waschwasser für die Körperpflege mit einer großen Porzellankanne in eine Porzellanschüssel gegossen, die in ein Metallgestell eingepasst war und als Waschtisch diente. Ein Bad gab es nicht. Das Plumpsklo befand sich in einer einfachen Holzbude auf dem Hof. Ein dickes Brett mit einem Loch, unter dem ein Eimer stand. Diese „Begegnungsstätte“ wurde von allen Bewohnern und Besuchern des Hauses benutzt. Einmal pro Woche kam ein Mann, der den Eimer austauschte. Das Auftauchen dieser Gestalt konnte kaum geheim gehalten werden. Es roch. Er hatte jeweils zwei Eimer an einem Tragegestell, das er über der Schulter trug. Wo er die Beute hinbrachte, weiß ich nicht mehr. Wer der Spur der Fliegen und der Nase folgte, konnte es sicher leicht herausfinden. Die Hamburger setzten diesem Berufsstand ein Denkmal mit dem Gruß „Hummel Hummel“, den er mit „Mors Mors“ beantwortete. Für nächtliche Bedürfnisse gab es den sprichwörtlichen Nachttopf, der unter dem Bett stand und morgens entleert wurde.
Neben den Wohnräumen gab es eine Abstellkammer und, ganz wichtig, eine Speisekammer. Hier bewahrte meine Oma die Lebensmittel, Kräuter, Einweckgläser usw. auf. Noch heute erscheint, wenn ich Dill rieche, dieser Raum vor meinem geistigen Auge. Bei geeignetem Wetter war der Balkon das Zentrum des täglichen Lebens. Hier wurden Bohnen gesträpelt, Erbsen gepult, Kartoffeln geschält, Karotten geschrappt. Ein paradiesischer Platz mit üppigen Geranien und dem Ausblick auf die Kronen der prächtigen Linden, die die Brieseallee prägten. Weiteres Merkmal dieser Allee waren die beeindruckenden Gaslaternen. Große Glaszylinder auf gusseisernen Masten. Jeden Abend ging ein Laternenanzünder durch die Straße, der die Laternen mit einer kleinen Flamme an der Spitze eines langen Stocks anzündete. Das Gas, das im Inneren des Mastes bis zum Glühstrumpf geleitet wurde, konnte mittels eines Kettenzugs reguliert werden. Interessant für böse kleine Jungen. Die Laternenpfähle hatten nämlich einen Sockel, auf den man springen und sich dann an den Querstangen festhalten konnte. Damit war es auch für kleine Leute möglich, an die Kette zu kommen und das Licht auszumachen. Böse Kinder!
Hinter dem Haus gab es einen Hof und einen Schuppen, in dem mein Opa eine kleine Werkstatt hatte. Er zeigte mir, wie man einen Schraubstock benutzte, eine Schleifmaschine und andere Werkzeuge. Eine andere Familie hatte dort ihren Hühnerstall mit einem umzäunten Hühnerhof. Hier konnte ich erstmals sehen, dass man einen Hauklotz nicht nur verwendete, um Holz zu hacken. Nicht so schön. Das Huhn schmeckte trotzdem. Direkt am Grundstück entlang führte ein schmaler Fußweg zum Mönchssee. Nachdem eine Brücke über einen kleinen Bach gebaut war, konnte man hier auch eine Abkürzung zu den wenigen Geschäften im Ort nehmen. Als ich den Ort 2017 wieder besuchte, konnte ich genau diesen Weg aus meiner Kindheit benutzen und ging genau dieselbe Strecke wie vor 60 Jahren. Eine wahre Zeitreise! Sogar von dem Baum, auf den ich geklettert war, um meine erste Zigarette zu rauchen, gab es noch den abgesägten Stumpf. Ich meine sogar, dass aus den Kastanien, die ich eingegraben hatte, inzwischen stattliche Bäume gewachsen waren. Na ja, man wird ja noch träumen dürfen.
Ich hatte ja noch nicht erwähnt, dass Birkenwerder in „Ostdeutschland“ lag. Vom Westen „SBZ“ genannt „Sowjetische Besatzungszone“. Vor Ort bekannt als „DDR“, „Deutsche Demokratische Republik“. Gelegen etwas nördlich des Westberliner Stadtteils Reinickendorf im heutigen Kreis Oberhavel, Brandenburg. Vor dem zweiten Weltkrieg war Birkenwerder ein Villenvorort Berlins. Grün, mit ehemals herrschaftlichen Villen auf teils riesigen Grundstücken. Wenn man vom Bahnhof Friedrichstraße in Ostberlin, wo die „Interzonenzüge“ aus dem Westen ankamen, nach Birkenwerder wollte, fuhr man mit der S-Bahn durch Westberlin und überquerte zwischen den Bahnhöfen Frohnau und Hohen Neuendorf die Zonengrenze. Vor dem Mauerbau stiegen häufig Volkspolizisten und gelegentlich russische Soldaten zu und kontrollierten stichprobenartig die Reisenden. Manchmal mussten alle in Hohen Neuendorf aussteigen. Auf dem Bahnsteig waren dann große Tische ausgebreitet, auf denen man sein Gepäck auspacken und zur Kontrolle ausbreiten musste. Bei einer solchen Gelegenheit beschlagnahmte man auch meine Micky Mouse Hefte, die ja nun wirklich subversives Propagandamaterial und damit gefährlich für den Sozialismus waren. Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde die Strecke um Westberlin herum umgeleitet. Diese so genannte „Bonzenschleuder“ hatte ihren Namen von den etwas schnelleren Zügen erhalten, mit denen SED Funktionäre gern reisten. Im Zusammenhang mit dem Nahverkehr von Berlin wohl eher, um die westlichen Haltestellen zu vermeiden, weil SED-Bonzen sich im Westen, wohl aus guten Gründen, nicht willkommen fühlten. Ich kam unmittelbar nach dem Mauerbau in den „Genuss“ dieser verlängerten Streckenführung, weil ich aus meinen Sommerferien wieder nach Wilhelmshaven zurückreisen musste. Übrigens natürlich allein und unbegleitet. Ich war ja schon 10 Jahre alt.
Die Brieseallee führte tatsächlich in Richtung Briese, einem Ortsteil, der nach dem Flüsschen Briese benannt ist, einem Nebenfluss der Havel. Dort gab es eine Badeanstalt, die bekannt für ihr kaltes Wasser war, gespeist aus der Briese. Kurz vor dem Wald, in den die Brieseallee führte, gab es zwei Restaurants, das Waldschlösschen, das nah am See lag und das Seeschlösschen näher am Wald. Logisch! Besonders wichtig war aber der Boddensee mit seiner Badeanstalt. Restaurant und Umkleiden waren auf Pfählen in den See gebaut. Über den Umkleideräumen gab es eine Plattform, die als Sprungturm genutzt wurde. Alles aus Holz. Wichtig waren die Ritzen, durch die man von dort aus in die Umkleideräume spähen konnte. Das war zwar spannend, aber im Rückblick nicht besonders aufschlussreich. Der See war richtig idyllisch. Trübes Wasser, Seerosen. In einem Sommer war wohl der Wasserstand etwas niedrig. Jedenfalls steckte ich nach einem Kopfsprung von besagter Plattform am Grund bis zu den Ohren im Schlamm. Bis auf eine leichte Verspannung habe ich nichts verspürt. Glück gehabt. Viele Jahre später konnte ja mein Genick ein weiteres Mal durch seine solide Bauweise überzeugen. Im Restaurant gab es für 10 Ostpfennig eine Brause im Halbliterbierkrug. Sah sogar fast nach Bier aus. An kalten Tagen gab es zum gleichen Preis eine heiße Brühe. Spitzengastrononmie in frühen DDR-Zeiten!
Rund 60 Jahre später war ich wieder dort. Das alte Restaurant war vor Jahren abgebrannt und an gleicher Stelle sehr schön wieder aufgebaut worden. Ich habe dort mit viel Genuss gegessen. Berliner Leber und Berliner Weiße mit Schuss. Waldmeister. Erstere war richtig gut. Letztere musste aus nostalgischen Gründen sein. Noch einmal muss nun nicht mehr sein. Bei dieser Gelegenheit entstand übrigens das erste Selfie meines Lebens.
Die Bilder unten zeigen das Haus in den 50er Jahren, bei meinem ersten Besuch nach der Wende 1992 und 2017 bei meinem bisher letzten Besuch dort.
Halbe Märchen
Trotz immer wiederkehrender gesundheitlicher Probleme arbeitete meine Mutter in meiner Kindheit als Serviererin, meistens bis spät in die Nacht. Ich war dann allein zuhause oder, wenn sie als Saisonkraft außerhalb arbeitete, „ausgeliehen“ an Freunde oder Leute, die mich gegen Bezahlung verwalteten. Besonders intensive Erinnerung habe ich an halbe Märchen. Klingt banal, war aber für mich sehr belastend. Ich war etwa fünf Jahre alt und ging noch nicht zur Schule. Begriffe wie „Kindergarten“ waren in meinem Umfeld unbekannt. Meine Mutter ging am frühen Nachmittag zur Arbeit als Serviererin ins „Löwenbräu“ Restaurant in Lübeck. Mein Vater war damals, 1956, als Musiker bei der wiedergegründeten Marine in Kiel. Endlich eine sichere Stellung! Bevor meine Mutter zur Arbeit ging, las sie mir aus einem Märchenbuch vor. Weil die Zeit nicht für das ganze Märchen reichte, hieß es immer wieder: „Morgen lese ich Dir den Rest vor!“ Als Abendessen legte sie mir eine Stulle auf den Teller. Dann ging sie, schloss mich in der Wohnung ein und ich saß allein da mit meinem halben Märchen und meiner Stulle. Zur Sicherheit hatte eine freundliche Nachbarin, Frau Lehmann, einen Schlüssel. Das half mir auch nicht wesentlich weiter. Es muss meiner Mutter damals sehr weh getan haben, als sie von den Nachbarn unter uns erfuhr, dass immer wieder Stullen auf ihrer Terrasse lagen. Ich hatte sie aus dem Fenster geworfen. Meine Art des Protests gegen das Alleinsein. Dann kam ich zur Schule. Im April 1957. Im Februar war ich sechs geworden. Nun lernte ich lesen. Ich war ungeheuer motiviert und lernte sehr schnell. Endlich konnte ich meine Märchen selbst zu Ende lesen. Bald wurde ich Mitglied bei der Stadtbücherei, die eine Filiale in der Nähe hatte. Jede Woche holte ich mir fünf oder sechs Bücher. Später achtete ich darauf, dass sie möglichst dick waren, mit dünnem Papier und kleiner Schrift. So hatte ich mehr davon. Ich las Abenteuerromane, Entdeckergeschichten, Western, Krimis - was mir in die Finger kam. Als Siebenjähriger wusste ich, wo Saigon und Pnom Penh lag und, dass der Amerikaner immer der siegreiche Held war. Lange, bevor die Amerikaner nach Vietnam kamen. Ich durchstreifte die Tempelbezirke von Angkor Wat und Angkor Thom, erlebte die Abenteuer des Chinesenjungen Yen im Shanghai des Jahres 1941, begleitete James Cook auf seinen Reisen in die Südsee, Hernando de Soto auf seiner Expedition im Süden Nordamerikas und fühlte mit Fletcher Christian bei den Ereignissen, die zur Meuterei auf der Bounty führten. Wenn mich ein Thema interessierte, suchte ich weitere Bücher dazu, um mehr zu erfahren. Viele Bücher hatten ja ein Quellenverzeichnis und ich wurde früh zum Rechercheexperten, wenn ich daraus und aus den Registern der Bücherei Querverweisen nachging. Lesen ist seitdem für mich immer Entspannung und Erholung gewesen. Ich habe in mehr als 60 Jahren inzwischen tausende von Büchern gelesen. Nicht immer hochwertige Literatur, auch viel Unterhaltung und „Schund“, wie meine Mutter gern zu sagen pflegte. Man sagt mir heute dennoch eine gewisse Allgemeinbildung und einen recht geübten Umgang mit der deutschen Sprache nach.
Roller tun weh
Toter Winkel
Eine meiner sehr frühen Erinnerungen würde heute wahrscheinlich deutlich andere Reaktionen auslösen als in den 50er Jahren. Ich war gebührenpflichtig bei einer Familie geparkt, die vorgab, sich um mich zu kümmern. Eines der Originalkinder dieser Familie hatte einen Kinderroller, den ich gnädig benutzen durfte. So fuhr ich auf dem Gehweg vor dem Wohnhaus hin und her. In der Einfahrt stand der Kohlenhändler mit seinem Lastwagen. Als er rückwärts ausparkte, war ich im Weg und ich fand mich unter dem Ungetüm wieder. Ich konnte zwischen die Räder flüchten. Der Roller nicht. Er geriet unter die Hinterräder und veränderte seine Form. Eines der, durch den Roller oder mich verursachten, Geräusche veranlasste den Fahrer, der Sache auf den Grund zu gehen. Er förderte mich und das Wrack zutage. Mein Trost bestand in einer Tracht Prügel, die mir der gestrenge Pflegevater, der dazu von meinen Eltern autorisiert war, angedeihen ließ. Nach der Rückübertragung des Delinquenten an die leiblichen Eltern wurde diese pädagogische Einwirkung noch einmal vertieft, weil meine Eltern den von mir fahrlässig verursachten Schaden selbstverständlich zu bezahlen hatten.
Grenzzwischenfall
Mein Vater war eigentlich ein ganz netter Kerl. Er hatte einen grünen Motorroller, ich meine, es war eine Lambretta. Damit konnte er seine verschiedenen Einsatzorte als Musiker in der Schleswig Holsteinischen Provinz erreichen. Eines Tages nahm er mich auf einen kleinen Ausflug zur Zonengrenze mit, die in der Nähe unserer Wohnung verlief. Ich wurde ermahnt, dort niemals zu spielen und die Grenze, die durch Pfähle markiert war, keinesfalls zu überqueren, anderenfalls ich sofort erschossen würde. Beeindruckt bestieg ich Vaters Roller für den Rückweg und machte es mir auf dem kleinen Schaumgummipolster, das mit einem Strumpfgummi am Gepäckträger befestigt war, so bequem es eben ging. Nach wenigen Metern wurde mein Vater von einem streng blickenden Polizisten angehalten, der ihm beschied, er habe etwas verloren. Mich! Ich war mitsamt meinem Sitz, dessen Gummi gerissen war, heruntergefallen. Mit den Knien und Händen auf dem Straßenbelag aus Ziegelbruch gelandet. Eine schmerzhafte Erfahrung! Mein Vater war wirklich fix und fertig. Mit erhobenem Zeigefinger ermahnte ihn der Polizist und erlaubte ihm, mich auf direktem Weg nach Hause zu bringen, indem ich vorne stehen und mich am Lenker festhalten durfte. Er fuhr mit mir direkt zu einer Werkstatt, wo mir ein echter Erwachsenensitz aus Hartgummi mit einem soliden Haltegriff und Fußrasten angepasst und fest montiert wurde. Wahrscheinlich haben wir danach noch schöne Ausflüge damit gemacht. Daran kann ich mich aber nicht erinnern.
Zahnmehl
Als ich schon zur Schule ging, durfte ich einmal den luftbereiften Roller eines Nachbarkinds benutzen. Solche Roller haben die Eigenschaft, Bodenunebenheiten besser auszugleichen. Bei Schwellen springen sie sogar. Dummerweise hängt eine Lenkstange daran, die mitspringt. Diese knallte mir ins Gesicht und die Schraube, mit der sie befestigt war, traf genau meine oberen Schneidezähne. Mit dem Zahnbrei in der Hand eilte ich zu meiner Mutter, die darüber sehr unglücklich war. Sie war so stolz auf meine schönen geraden Zähne gewesen. Das war ja nun vorbei. Es war Abend und Wochenende. Der einzige Zahnarzt, der helfen konnte, war ein entfernter Verwandter. Die Hilfe bestand darin, dass er die scharfen Kanten mit Hilfe eines Bohrers entgratete. Interessante Erfahrung, so ein Zahnarztbohrer, der mittels Fußpedalen angetrieben wird. Der fürsorgliche Kommentar des Zahnarztes „Stell Dich nicht so an!“ Die weitere Prognose war simpel: „So bleibt es mindestens die nächsten 12 Jahre!“ Vor dem achtzehnten Lebensjahr sind Zähne und Kiefer nicht ausgewachsen und die Zähne können vorher nicht überkront werden. So lief ich tatsächlich während meiner gesamten Jugend mit meiner schrägen Zahnlücke herum.
Nein - Roller sind nicht mein Ding!
Der Lübecker Fenstersturz
In Ausübung meiner Kindheit war es mir, wie erwähnt, zur Gewohnheit geworden, immer wieder an andere Familien ausgeliehen zu werden. Eine Jugendfreundin meiner Mutter, „Tante Uschi“, wohnte mit ihrem Mann und drei Kindern etwa meines Alters unweit von unserer ersten richtigen Wohnung in Lübeck. Dort konnte ich bei Bedarf kurzzeitig geparkt werden. Mit den Kindern verstand ich mich gut und es ging spielerisch richtig zur Sache. Eines Tages saß ich auf der Fensterbank, rückwärts an das Fenster gelehnt und bekam im Verlauf des Spiels einen kräftigen Stoß, der mich veranlasste, das geschlossene Fenster zu durchqueren. Ich landete in der Kellertreppe, die unterhalb der Erdgeschosswohnung lag. Die Aktion war nicht geräuschlos abgelaufen und ich verkündete lautstark, dass ich mit meiner Situation alles andere als einverstanden war. Zudem blutete ich wie ein Schwein aus verschiedenen Schnittwunden, deren Narben mich noch heute schmücken. Das rief „Tante Uschi“ auf den Plan, die nicht nur hartgesottene Mutter, sondern auch kriegserfahrene Krankenschwester war. Sie verarztete mich fachgerecht und übergab mich wohlversorgt an meine Mutter. Meine Schuld an dem Sachschaden war zweifelsfrei erwiesen. Sowohl meine DNA als auch meine Fingerabdrücke waren am Tatort zu finden und Alibi hatte ich auch keins. Folglich sollte meine Mutter den Schaden bezahlen. Immerhin ein kaputtes Fenster und ein aufwendiger Rettungseinsatz. Ihre Enttäuschung darüber reagierte sie mit dem pädagogischen Rohrstock auf meinem Hintern ab. Das wiederum enttäuschte mich und mein Vertrauen in die Justiz nahm weiteren Schaden.
Erste Reiseerfahrungen
Ebenfalls mit sechs Jahren fuhr ich zum ersten Mal allein mit dem Interzonenzug zu meiner Oma nach Berlin. Meine Mutter setzte mich in Lübeck in den Zug und schärfte mir ein, dass meine Oma mich am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin abholen würde. An der Zonengrenze in Büchen schaute noch einmal ein Freund meiner Eltern, „Onkel Oskar“ der Mann von „Tante Uschi“, ein Grenzschutzbeamter, nach mir und dann war ich bis Berlin auf mich selbst gestellt. Meine Oma holte mich natürlich zuverlässig ab und erkannte mich trotz meines nachgedunkelten Teints. Immerhin hatte ich fast die gesamte Fahrt mit dem Kopf aus dem Fenster gehangen und die Rußwolke der Dampflok nicht nur verinnerlicht. Seitdem bin ich auch mehrsprachig unterwegs: „ne pas se pencher en dehors - do not lean out - e pericoloso sporgersi - nicht hinauslehnen“. Die kleinen Schilder am Fensterrahmen waren ja so etwas wie der Stein von Rosette, mit dem schon die Hieroglyphen entschlüsselt werden konnten.