Klein aber doof?
Lehrer wissen mehr als Schüler. Das ist eine weitverbreitete Meinung. Meistens wohl auch richtig. Sind sie deshalb klüger? Manchmal nicht. Schon erstaunlich, was für kaputte Typen auf unschuldige Kinder und andere Wissensdurstige losgelassen werden.
Schüler Wolff
Der Neue
Aufgrund der Berufstätigkeit meiner Eltern war ich in der Schule mehrfach „der Neue“. Ich kam in Lübeck zur Schule und fühlte mich gut aufgehoben. Dann wechselte ich für ein Halbjahr nach Travemünde. Das war damals eine Bahnreise, Holzklasse mit Holzbänken. Meine Mutter hatte eine Saisonstelle als Serviererin in einer Pension, „Villa Frieda“, in Timmendorfer Strand angenommen. Aufbewahrt wurde ich in dieser Zeit bei einer weiteren Freundin meiner Mutter, „Tante Dorchen“, als siebtes ihrer sechs Kinder. Während dieses Halbjahrs besuchte ich die Volksschule „Am Steenkamp“ in Travemünde. Danach wieder nach Lübeck, wo man überhaupt nicht verstand, was mit mir los war. Warum geht der weg und kommt dann wieder? Dann wurde mein Vater nach Wilhelmshaven versetzt und ich kam nach dem weiteren Umzug dort in die dritte Klasse der „Volksschule“ Katharinenfeld. Eine altehrwürdige Schule. Imposanter Backsteinbau mit Tintenfässern in den Pulten. Wir schrieben ja damals mit Schreibfedern, die in einen Holzstiel geschoben und mit Tinte aus dem Tintenfass betrieben wurden. Der komische Junge „stolperte über den spitzen Stein“ und hatte im Rechnen irgendwie den Anschluss verloren. Natürlich gab es in jeder neuen Klasse den Anführer, der den Neuen erstmal testete. In diesem Fall war ein gewisser Uwe der „Stärkste“ in der Klasse und forderte mich heraus. Bereits am ersten Tag unserer Begegnung übertrug sich der „Sprachfehler“ auf ihn und der Titel auf mich. Die neue Rangfolge war geklärt. Seine dicke Lippe heilte wieder und wir wurden die besten Freunde.
Hinter der Volksschule Katharinenfeld verliefen die Gleise der Vorortbahn. Der gleichen Bahn, die auch nah unserer Wohnung vorbeikam. Der erlaubte Schulweg über Straßen und Gehwege war länger und weniger interessant. Die Gleise verliefen am Rand des ehemaligen Hafengeländes mit den gesprengten U-Boot Docks. 13 Jahre nach dem Krieg ein spannendes, verwildertes Niemandsland mit Bombentrichtern, Höhlen und Trampelpfaden. Eindeutig kürzer und interessanter als der erlaubte Schulweg! Außerdem kam gelegentlich die Vorortbahn vorbei, auf die man aufspringen und ein Stück mitfahren konnte. Wenn ich heute sehe, welchen Aufwand Eltern betreiben, ihre Kinder zu Schule und zurück zu schaffen, dann werde ich schon etwas nachdenklich. Wie konnte ich das alles nur weitgehend unverletzt überlebt haben?
Meine Eltern wollten mir eine gute Ausbildung ermöglichen. Also schickten sie mich auf das Gymnasium. Da war ich dann umgeben von Arzt-, Anwalts-, Unternehmer- und Politikersöhnen. Wenn ich neue Schulbücher brauchte oder eine Klassenfahrt zu bezahlen war, hörte ich meine Mutter jammern. Selbst mein spärliches Taschengeld erbettelte ich jede Woche mit schlechtem Gewissen. Mein Vater fand seine Zigaretten- und Bierrationen wichtiger als meine finanzielle Freiheit. So beschloss ich mit 14 Jahren, mich finanziell unabhängig zu machen und auf das Taschengeld ganz zu verzichten. Das verschob meine Prioritäten von der Schule auf meine Erwerbstätigkeit. Dazu später mehr.
Pädagogen
"Egon“
Der Film „Die Feuerzangenbowle“ vermittelt in äußerst amüsanter Weise die Befindlichkeit mancher Menschen, die sich schmunzelnd, manchmal sogar wehmütig an ihre Schulzeit erinnern. Auch der kleine Wolff hatte angenehme Erfahrungen und erinnert sich noch viele Jahre danach an Lehrer, die das Attribut „Pädagoge“ wirklich verdient haben. Bei erstaunlich vielen Vertretern dieses Berufsstandes hilft allerdings weder nachträgliche Verklärung noch der Schleier des Vergessens. Auch bei nüchterner Betrachtung waren nicht nur einige wirklich kaputte Typen darunter, sondern auch echte Psychopathen und Verbrecher. Es gäbe viel darüber zu berichten, aber wem nützt es? Also beschränken wir uns auf wenige Beispiele, die heutigen Schülern und Eltern die Haare zu Berge stehen lassen würden. Ein spezielles Exemplar war ein gewisser Dr. Behrens, den wir Schüler „Egon“ nannten. Seine „kongeniale“ Gattin, „Emmi“, trieb ihr Unwesen an der gleichen Schule. Egon hatte feste Gewohnheiten. Während des Unterrichts schlenderte er durch die Tischreihen, mal mit einem Radiergummi in der Hand, den er ohne erkennbaren Anlass durch die Haarstoppeln am Hinterkopf seiner Schützlinge zog. Das ziepte ziemlich beim Delinquenten und erheiterte den „Pädagogen“ immer wieder, wenn er auf diese subtile Art Geräusche erzeugte. Zur Abwechslung hatte er auch ein Lineal, das auf den Oberschenkeln der kurzbehosten Knaben schöne rote Striemen und intensive Gefühle auslöste. Den Vogel schoss er jedoch mit zwei Varianten der „Schaumburg-Übung“ ab, so genannt nach einem Schüler, den er wohl besonders gern hatte. In der einen Variante musste der Übungspartner, Ralf Schaumburg, unter das Lehrerpult in den Fußraum kriechen und Egon nahm den Stuhl und rammte ihn immer wieder in den Fußraum, dessen Bewohner das wohl lustig finden sollte. Die zweite Variante dieser Übung dürfte es sogar bis nach Guantanamo geschafft haben. Der Delinquent musste sch zwischen die Tischreihen stellen, in die Kniebeuge gehen und mit vorwärts ausgestreckten Armen so verharren. Um ihn weiter zu motivieren, kamen dabei immer wieder der Radiergummi und das Lineal zum Einsatz. Jahre später, der junge Wolff war inzwischen Leutnant der Luftwaffe, spazierte er mit seiner lieben Frau in München durch die Fußgängerzone und - wer kam auf ihn zu? Das Ehepaar Behrens! Zitat Wolff: „Ach du Scheisse, vor Ihnen ist man wohl nirgendwo sicher!“ Soviel zur Feuerzangenbowle.
„Futschi“
Ein anderer grandioser Vertreter seines Berufsstandes war ein gewisser Dr. Kurt Krüger, der legendäre „Futschi“. Dieser hatte sich unbestrittene Verdienste um den Wiederaufbau des Schullandheimes auf Wangerooge erworben, war ehemals erfolgreicher Boxer, sogar Studentenweltmeister, und glänzte mit eher rustikalem Charme. Seine Schüler waren überwiegend „verlauste Amis“. Sagte er jedenfalls sehr häufig. Ich hatte weniger Probleme mit seinen Wutausbrüchen, weil er meine Lieblingsfächer Englisch und Sport unterrichtete. Allerdings traf es auch hier wieder meinen Klassenkameraden Ralf Schaumburg. Mitten ins Gesicht. Ein anderer Schüler, Wilfried B., hatte im Englischunterricht eine Frage vermeintlich falsch beantwortet, weil er die Antwort etwas ungeschickt begonnen hatte. Ich schwöre, dass die Antwort richtig war! Außer sich vor Wut griff der legendäre Pädagoge seinen massiven Schlüsselbund (Buntbartschlüssel!), der vor ihm auf dem Pult lag, und schleuderte ihn in Richtung des vermeintlichen Versagers. Der sah das Unheil kommen und duckte sich weg. Hinter ihm saß Ralf Schaumburg. Der sah das Unheil nicht kommen. Er bekam den Schlüsselbund direkt ins Gesicht. Das Blut lief von der Stirn und beeindruckte sogar den kampferprobten „Futschi“, der ihn betreten zu sich ans Pult holte. Er entschuldigte sich und gab ihm zwei Mark, damit er zuhause nichts von dem Zwischenfall erzählt. Immerhin! Trotzdem - für diesen gradlinigen Typen kann ich auch im Nachhinein Verständnis aufbringen. Wer weiß, was er im Krieg erlebt hat. Anders denke ich auch heute noch über solche Leute wie diesen Behrens, der sich sogar an die Straße stellte, um Schüler zu erwischen, die auf dem Schulweg rauchten. Das führte dann zum Schulverweis. Ich habe erschreckend viele Lehrer erlebt, die Kinder und Jugendliche als Feinde angesehen und auch so behandelt haben. Erbärmliche Kreaturen!
StVo und Schule
Nun ist ja dieser Wolff selbst auch ein recht widerborstiger Typ. Kein Wunder, dass der Lehrkörper sich immer wieder belästigt fühlte, weil der Knecht nicht so wollte, wie der Meister. Wie kann sich z.B. ein Jüngling erfrechen, sein selbstbezahltes Auto auf einen Parkplatz zu stellen, den ein Lehrer gern genutzt hätte? Der Satz „Auf der Straße gilt nicht die Schulordnung, sondern die Straßenverkehrsordnung!“ ist weder formell noch inhaltlich zu beanstanden. Auch die Ergänzung „Wenn Sie hier parken wollen, müssen Sie einfach früher aufstehen!“ gibt die Realität korrekt wieder. Dennoch war der Englischlehrer (nicht Futschi, der fuhr Fahrrad) darüber unglücklich und gab sein Unglück an den Schüler Wolff weiter, der daraufhin erstmals eine 4 als Englischnote in seinem Zeugnis fand.
Offiziersschüler Wolff
Ähnlich betroffen wie schon der Englischlehrer am Gymnasium reagierte Jahre später die Englischlehrerin an der Offiziersschule der Luftwaffe. Die Dame beanstandete eine wohlüberlegte Formulierung des Offizierschülers Gefreiter O.A. Wolff im Englischunterricht als falsch. Besagter Gefreiter konnte recht gut Englisch und war sich sicher, dass die Formulierung korrekt sei. „Im Amerikanischen heißt das anders!“ „Wie bitte? Im Stundenplan steht Englisch! Mein Satz ist allenfalls anders aber nicht falsch!“ Wir erinnern uns an das Statement der Queen, die sagte, es gäbe kein Amerikanisch, sondern nur falsches Englisch. Die Dame ließ sich nicht überzeugen und die Fronten verhärteten, zumal mir ein Kamerad zur Seite stand, der meine Sicht unterstützte. Als schlechte Verliererin beschwerte sie sich bei unserem Inspektionschef, Oberstleutnant Schwalbe, der uns daraufhin fachgerecht zusammenfaltete. Auch dies ließen wir nicht widerspruchslos über uns ergehen, sondern bestanden auf unserem Recht, darauf, dass wir nicht ausfallend geworden waren und für hysterische Reaktionen einer unfähigen Lehrkraft nicht zur Rechenschaft gezogen werden wollten. Zum Nachweis bot ich an, dieselbe Sprachprüfung, die unsere „Lehrerin“ qualifiziert hatte, meinerseits zu absolvieren. Der Zufall wollte es, dass eine solche Prüfung tatsächlich in wenigen Tagen anstand. Ich bestand diese Prüfung ohne jegliche Vorbereitung „aus dem Stand“ und war fortan vor den traurigen Bemühungen meiner „Kollegin“ sicher.
Sport
Ganz nebenher bemerkt war ich ein recht sportlicher Typ. Ich war fast immer Klassenbester bei den Bundesjugendspielen, einmal sogar Schulbester. Die Ehrenurkunden, „Lübkeurkunden“ nach dem damaligen Bundespräsidenten, habe ich lückenlos für jedes Halbjahr. Nach meinem „Genickbruch“ mit 17 und der damit verbundenen sportlichen Zwangspause fühlte ich mich nicht ausreichend fit für unsere Schulmeisterschaften im Schwimmen. Nachdem ich die ersten Wettbewerbe verfolgt hatte, meldete ich mich für alle weiteren Wettbewerbe meiner Altersklasse nach und wurde in allen Disziplinen, in denen ich angetreten war, Schulmeister. Angesichts der Mühelosigkeit, mit der ich damals sportlich immer an die Spitze kam, fehlte mir jeder sportliche Ehrgeiz. Ich hatte einfach nur Spaß an der Bewegung. Ohne weitere Absichten. Eine Zeitlang nahm ich im Verein am Schwimmtraining teil. Allerdings fühlte ich mich dabei immer unwohl, weil ich meine Brille in der Umkleide lassen musste. Optische Schwimmbrillen waren damals noch nicht üblich. Ich konnte weder die Wanduhr im Hallenbad ablesen, noch konnte ich Leute erkennen, denen ich begegnete. Das gefiel mir nicht und ich nutzte die Zeit wieder mehr für meine Erwerbstätigkeit. Später auf der Offiziersschule hatte ich einmal ein Problem, weil der Zeitnehmer nicht wahrgenommen hatte, dass ich den anderen Schwimmern zwei Runden voraus war. Erst bei einem weiteren Durchgang, als ich auf einem zweiten Zeitnehmer bestanden hatte, wurde klar, dass ich tatsächlich um so viel schneller schwamm als meine Kameraden.
Handball ist gefährlich
Für damalige Verhältnisse war ich eher lang. Lange Beine, lange Arme. Dazu sehr gute Reaktionen. Also kam ich beim Handball ins Tor, das ich recht gut bewachen konnte. Allerdings trug ich eine Brille und so blieb es nicht aus, dass ich einen versuchten Torwurf eines Tages mit dem Gesicht abwehrte und meine Brille sich nicht nur sehr schön darauf abdrückte, sondern auch die Form veränderte. So wurde ich denn Feldspieler. Wie gesagt, lang und schnell. Meine Würfe auf das Tor hatten Wumms, einmal so heftig gegen die Latte, dass sich diese hob, die Seitenteile einklappten und das Tor zusammenbrach. Kein Drama! Eines Tages spielte ich so still vor mich hin, als meine Mitspieler mich darauf aufmerksam machten, dass der Boden um mich herum voller Blut war. Kurz zuvor war ich bei einem Sprungwurf am Kreis abgeblockt worden und hatte den Sturz mit meiner Kinnspitze abfangen müssen, weil man meine Arme festgehalten hatte. Mir war nichts weiter aufgefallen und nun diese Sauerei. Der Lehrer alarmierte den Hallenwart und der versorgte die Platzwunde am Kinn mit dem Hinweis, das müsse genäht werden und ich solle sofort zum Arzt gehen. Ich setzte mich also auf mein Moped und fuhr nach Hause. Dort traf ich meine Mutter an, die meinen Vater alarmierte, der mich mit dem Auto zu unserem Hausarzt, einem Internisten, brachte. Dessen Sprechstundenhilfe munterte mich mit der Bemerkung auf, dass ich mir nun die Zähne putzen könne, ohne den Mund aufzumachen. Es sei ja untenrum alles offen. Der Arzt erklärte sich für nicht zuständig und schickte mich weiter ins Krankenhaus, auf dass die Wunde genäht werde. Der Arzt dort klammerte nicht nur die Wunde, sondern stellte auch Fragen. Wie es denn passiert sei, ob mir übel geworden sei. Klar war es das. Ich war nicht unbedingt resistent gegen den Anblick größerer Blutmengen. Schon garnicht, wenn es meins war. Er hatte einen Verdacht und schickte mich zum Röntgen. Danach hatte ich eine Halskrause und blieb für 3 Tage zur Beobachtung dort. Beim erneuten Röntgen war der Riss im Halswirbel zu sehen, der, wenn er sich weiter verschoben hätte, Ursache für eine Lähmung vom Hals abwärts hätte werden können. Der Peitschenschlageffekt nach einem Sturz hatte meinen Supermannkollegen Christopher Reeves später für den Rest seines Lebens in den Rollstuhl gebracht. Mich nicht! Ich bekam einen Gipspanzer von etwa der Unterkante der Rippen bis unter das Kinn und lief die nächsten sechs Wochen hocherhobenen Hauptes durch die Gegend. Da wird die Nachtruhe zum Genuss! Mit diesem Panzer habe ich meinen Führerschein gemacht. Einschließlich Prüfung!