Wolffs Camping
50+ Jahre Camping – wie alles anfing
In grauer Vorzeit, Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es die ersten Zelterfahrungen im CVJM Zeltlager in Wildflecken in der Rhön. Der engagierte Pastor Tüngerthal (PTü) aus Wilhelmshaven hatte sich Zelte und Ausrüstung zusammengeborgt, u.a. von der Bundeswehr und daraus auf einem weitläufigen Grundstück am Fuße des Kreuzbergs ein Zeltlager errichtet. Hier konnten Kinder und Heranwachsende aus Wilhelmshaven für kleines Geld Ferien in herrlicher Umgebung machen. Es gab Wanderungen, Ausflüge, u.a. zur Wasserkuppe und nach Fulda, Spiele, Lagerfeuer... Mit die schönsten Erinnerungen aus meiner Kindheit. In den frühen 60ern gab es auch einige campingnahe Erfahrungen im Schullandheim. Die Zeit der ersten Zigaretten. Einige Zeit später, der Kleine war inzwischen zarte 16, ging es in das "International Youthcamp" in St. Austell, Cornwall. Ein "Hochsicherheitszeltlager", das von der Polizei bewacht wurde, weil damals die Gefahr bestand, dass wir Jugendlichen in die Auseinandersetzungen zwischen den "Mods" und den "Rockers" hineingezogen würden, die damals als Vorläufer der Social Media die jungen Leute beschäftigten. Auch das waren interessante Erfahrungen, zumal wir auf der Anreise einige Tage in London verbrachten, das damals das Zentrum der Jugendkultur darstellte. Besonders nachhaltig blieb ein Kinobesuch am Picadilly Circus in Erinnerung, wo wir "Yellow Submarine" von den Beatles im Original sehen und hören konnten. Als sensationell empfanden wir die Möglichkeit, im Kino zu rauchen. Ich rauchte ja damals „wie ein Schlot.“ Auch die Freizeitaktivitäten vom Zeltlager aus haben bleibende Eindrücke hinterlassen. Höhepunkt war eine Fahrt mit einem kleinen offenen Fischerboot von Mevagissey aus. Wir kamen in einen Makrelenschwarm und hatten innerhalb weniger Minuten tatsächlich das Boot voller Fische. Am Abend wurden diese über offenem Feuer auf einem Bettgestell gegrillt. Unter Polizeischutz. Besonders eindrucksvoll war die anschließende Begegnung meines Klassenkameraden Roger mit der Polizei, als er seine Limonadenflasche, halb und halb mit Whisky und Limonade gefüllt (striktes Alkoholverbot!), hackedicht gegen den Polizeiwagen knallte, der in der Einfahrt zu dem Feld mit dem idyllischen Grillplatz stand. Die Jungs waren aber recht freundlich. Noch heute schuldet mir der Pub in St. Austell übrigens noch unzählige Freispiele am Flipper. Ich konnte das damals recht gut.
Als der kleine Harald immer noch jung und dünn war – im Jahr 1969 hieß das 18 Jahre und unter 70 Kilo bei 1,86m Höhe – war der Zugang zu einem motorisierten Fahrzeug gleichbedeutend mit Freiheit. Das war nicht so leicht realisierbar, wie man es sich erträumte, wenn man diese Freiheit nur mit eigenem Geld erkaufen konnte. Von den Eltern jedenfalls war nichts zu holen. Der Schüler und spätere Sparkassenlehrling Wolff fand seine Lösung mit einem Nebenjob als Taxifahrer. Weil er schon unmittelbar nach Erwerb des Führerscheins angefangen hatte, Minicar zu fahren (das waren diese schäbigen Kleinwagen ohne Taxischild mit denen man billig von A nach B kam), erhielt er den Taxischein aufgrund einer Übergangsregelung schon, bevor er 21 war. Eine der Fahrten führte ihn nach Jever zu Wohnwagen Tjarks. Während er auf seinen Fahrgast wartete, schaute er sich auf dem Platz etwas um. Ein Fahrzeug erregte seine Aufmerksamkeit.
Stirnimus der Campingbus
In einer Ecke stand, verstaubt und unscheinbar, ein weißer VW-Bus T1 mit rudimentärer Campingausstattung. Mit Dachluke und einer mit dem Tisch zum Bett umbaubaren Sitzbank. Die Innenausstattung aus massivem Holz war laut Verkäufer ein Frühwerk der Fa. Westfalia. So richtig neu sah er nicht mehr aus. Immerhin hatte er damals schon über 10 Jahre auf dem Buckel. „Ja,“ sagte der alte Tjarks, „er ist fahrbereit, aber stillgelegt und der Fahrzeugbrief ist entwertet.“ Er sollte 600 DM kosten und brauchte eine komplette Neuzulassung mit TÜV-Gutachten und neuem Brief. Zuvor musste er jedoch hergerichtet werden. Teuerste Position war eine neue Batterie. Ein Problem stellten die winzigen Rücklichter dar. Aus rotem Glas und irreparabel beschädigt. Ersatzteile dafür gab es nicht. Auf dem Weg zur technischen Meisterlösung mithilfe von Schrottplatzzubehör gab es noch einen kleinen Brand im Motorraum, der spontan mit Wasser aus einer Pfütze gelöscht werden konnte. Davon vielleicht ein anderes Mal. Zunächst musste der Wagen ja gekauft werden. 600 DM waren viel Geld. Alleine nicht zu schaffen. Aber wozu hat man Freunde? Jochen, Spitzname Matschki (links auf dem Foto unten) alter Klassenkamerad und nun Mitlehrling bei der Sparkasse und Theo (dritter von links), Jungangestellter bei ebendieser. Auf dem Foto bin ich, unschwer zu erkennen, ganz rechts. Dietmar, der zweite von links, war nicht dabei. (Das Foto ist von unserem Amsterdam-Trip, an dem ich die Beziehung zu Monika reaktivierte) Zu dritt ist es zu wuppen! Hinzu kommt, dass Matschkis Vater einen Großhandel für KFZ-Zubehör betreibt. Das hilft! Der Wagen wird gekauft, hergerichtet, zugelassen und benutzt. Der Name „Stirnimus“ ist übrigens einem damals sehr bekannten Lied einer Schweizer Gruppe, den Minstrels, entlehnt „Ja Grüezi wohl Frau Stirnima“. Allerdings war unser Bus männlich und der Name sollte sich auf Campingbus reimen. "Stirnimus der Campingbus!"
Auf nach Montenegro
Wenn man sich schon so viel Mühe gibt, einen Campingbus flottzumachen, dann soll es sich auch lohnen. Weit sollte es sein, warm und billig. Also Mittelmeer, auf der billigen, der jugoslawischen Seite. Von der Nordseeküste nach Budva, Montenegro. Rund 2.000 km einfache Strecke. Drei Grenzen, vier Währungen. Europa 1970. 30 PS, Höchstgeschwindigkeit 90 km/h. Na ja, nicht ganz. Es gab ein kleines Problem mit der Schaltung. Der vierte Gang wollte nicht einrasten. Da er zunächst funktionierte, wenn man den Schaltknüppel festhielt, brachten wir einfach unter dem Fahrersitz eine Feder an, in die wir den Schaltknüppel jeweils einhängten. Das hielt bis Dubrovnik. Auf dem Rückweg! Ab dort fuhren wir im dritten Gang mit maximal 60 km/h. Eine beruhigende Erfahrung! Dem Motor gefiel das weniger, was uns im Altmühltal die Bekanntschaft mit einem gelben Engel vom ADAC einbrachte. Wer hat schon eine Ersatz-Keilriemenscheibe dabei? Der Motorraum sah sehr dekorativ aus, voller silbriger Metallspäne der aufgelösten Keilriemenscheibe. Apropos Ersatzteile. Matschkis Vater hatte uns großzügig, zunächst leihweise, mit einem umfassenden Ersatzteilpaket ausgestattet. Er war schließlich Großhändler und wir unterwegs zum Ende der zivilisierten Welt. Sogar einen Anlasser und eine Zündspule hatten wir dabei. Nur an Zündkabel oder Kerzenstecker hatte niemand gedacht. Das bescherte uns einen außerplanmäßigen Aufenthalt auf einer Ausweichstelle der Küstenstraße in der Gegend von Dubrovnik. Wunderbare Aussicht, null Getränke oder Verpflegung. Campingbus damals und Wohnmobil heute sind nicht ganz dasselbe. Der jüngste, also ich, mit umfassender Autobastlererfahrung, begab sich per Anhalter in den nächsten Ort und beschaffte, mangels anderer Beute, ein Fiat-Zündkabel. Unser VW hatte Zündkabel mit Graphit-Seele, die man nicht abisolieren und um die Zündkerze wickeln konnte. Mit dem Fiatkabel und Isolierband kamen wir schließlich bis nach Hause. Eine zweite Panne ereilte uns am Strand von Bečići bei Budva/Montenegro. Dort hatten wir einen schönen Tag mit einer Gruppe von Mädchen aus dem internationalen Jugendhotel verbracht. Ein platter Reifen hinderte uns daran, zu unserem wunderschönen Stellplatz an einer kleinen Flussmündung zurückzukehren. Matschki hatte bei der Reisevorbereitung den Auftrag gehabt, die Radmuttern, die durch die lange Standzeit möglicherweise festgefressen waren, lockern zu lassen. Er hatte es vergessen. Beim Versuch, die Schrauben zu lösen, drehten wir das Radkreuz zu einer Spirale. „Kein Problem“, dachten wir. Wir hatten ja eine Dose mit Luft und Reparaturschaum dabei. Aber keinen Adapter für das Ventil. Mit Hängen, Würgen und Zange brachten wir etwas Luft in den Reifen, um im Schritttempo vor eine Werkstatt zu schleichen. Dort weckte man uns am nächsten Morgen, weil wir die Einfahrt versperrten, und eine Stunde später waren wir wieder mobil.
Monika
Nun war ich ja nicht der einzige Wolff mit Campinggeschichte. Nein, die kleine Monika, damals noch mit Nachnamen Schulte, war schon als Kind auf Fernreise gewesen. Mit Onkel, Tante und Cousine an der Costa Brava. So um 1963 (nach Christi). Monika spricht von ihren schönsten Kindheitserinnerungen. Kann man verstehen! Im Detail davon berichten muss sie aber selbst. Ist ja ihre Website! https://www.monika-unterwegs.eu/
Weiter mit Stirnimus
Noch einmal zu unserem Stellplatz bei Budva. Von einem wie diesem träumen heute wohl noch viele Camper. Direkt im Winkel zwischen einem Dünen-Sandstrand und einem kleinen Fluss. Einige Hundert Meter weiter ging der Strand in eine Felsküste mit kleinen Sandbuchten über. In den Dünen stand ein windschiefes Toilettenhäuschen mit Plumpsklo. (Unglaublich, wie groß Schmeißfliegen werden können! Und wie bunt sie schillern!) Also ein bewirtschafteter Campingplatz! So jedenfalls verstand es der Mann, der aus dem Nichts plötzlich auftauchte und die Hand aufhielt. Ein paar Dinare und er war zufrieden. Wir auch. Nachts hörten wir gelegentlich dumpfe Explosionen aus der Nähe. Wir erfuhren dann, dass Handgranaten ins Wasser geworfen wurden. Mit der Druckwelle wurden unzählige Fische und andere Lebewesen getötet oder bewegungsunfähig gemacht und konnten dann mühelos mit dem Kescher abgefischt werden. Ein unglaublicher Raubbau an der Natur. Heute strengstens verboten, aber vielfach noch praktiziert, hauptsächlich in Asien. Stichwort „Dynamitfischerei“. Zwei Jahre später kehrte ich mit Monika noch einmal dorthin zurück. Dann war die Belegung schon um mehrere Hundert Prozent angewachsen. Also zwei oder drei weitere Camper.
Für den Rückweg nach Wilhelmshaven hatten wir uns eine etwas andere Route ausgesucht. Es ging hinter Dubrovnik durch das Landesinnere über Banja Luka und Sarajevo Richtung Ljubljana. Das war nicht unspannend. Wir hatten gehofft, noch eine Einkaufsmöglichkeit zu finden und waren, bis auf ein paar Kekse und etwas Wasser, versorgungsmäßig ziemlich blank. Weil wir nichts fanden, fuhren wir einfach weiter in die Nacht hinein. Das war wirklich eine denkwürdige Fahrt. Im Radio lief, immer wieder durch schlechten Empfang unterbrochen, eine Übertragung des Weltmeisterschaftsspiels Deutschland - England. Die Straße war teilweise nicht befestigt. Am Straßenrand sahen wir das Wrack eines Panzers. Wohl noch aus dem zweiten Weltkrieg. Mitten in der Dunkelheit versperrte uns plötzlich eine Gruppe Männer den Weg. Zivilisten, finstere Typen, mit Gewehren bewaffnet. „Papiere! Passport!“ Nun war unser Freund Matschki durchaus mit Humor gesegnet. Außerdem hatten wir gerade England besiegt. Matschki hatte einen Angelschein. Mit Foto. Den zeigte er vor. Der Anführer betrachtete ihn mit wichtiger Miene „Is gutt!“ und winkte uns, weiterzufahren. Soll noch einer sagen, die Leute auf dem Balkan seien nicht kompetent! Nach unserer Rückkehr erwartete uns zuhause bereits ein Haufen Anfragen von Kaufinteressenten für unseren Stirnimus. Matschki, ganz Kaufmann, hatte ihn schon vor Abfahrt in der „Auto, Motor und Sport“ zum Verkauf angeboten. Für 1.800 DM! Wegen des kleinen Getriebeproblems verkauften wir ihn dann für 1.500 DM. War ja immerhin ein Campingbus mit Westfalia-Ausstattung. Unter dem Strich hatte unser Urlaub nichts gekostet. Nicht schlecht, oder?
Ein Leben mit Camping
Wie wir alle wissen, bin ich zum Glück nicht allein. Meine kleine Monika hat auch eine Homepage, auf der sie fleißig über unsere Reisen berichtet. Deshalb halte ich mich an dieser Stelle zurück. Wenn es trotzdem gelegentlich zu Überschneidungen kommt, dann ist das eben so. Da muss der geneigte Leser durch. Hat ja niemand gesagt, dass alles ganz einfach wird! Hier geht es zu Monika https://www.monika-unterwegs.eu/camping/
Noch eine Bemerkung zum Abschluss dieser Abteilung:
Wer Camping gleichsetzt mit endlosen Reihen von Wohnwagen/-mobilen, Zelten, Wäscheleinen, Platzordnung, Gartenzwergen und Jogginganzügen, der kennt uns nicht. Werft mal einen Blick auf die Fotos! Wir suchen und finden Plätze, auf denen wir in der Natur stehen, mit genug Abstand zu Nachbarn. Legal und umweltschonend. Deshalb achten wir von Anfang an darauf, möglichst autark zu sein. Schon unser erster Wohnwagen 1988 hatte einen eigenen Wassertank und eine Kassettentoilette. Damals durchaus noch kein Standard. Heute benötigt unser Wohnwagen nicht nur mit Solaranlage, Lithiumbatterie und LED-Beleuchtung keinerlei Strom per Kabel. Unsere Trockentrenntoilette ist geruchs- und ekelfrei und muss nur alle paar Wochen in den Mülleimer entleert werden. Natürlich ist eine Heizung mit Warmwasserboiler (Alde-Warmwasserheizung mit Fußbodenerwärmung) an Bord, die wahlweise mit Gas oder „Landstrom“ betrieben werden kann. Die Klimaanlage benötigt allerdings Landstrom. Dafür kühlt sie nicht nur, sondern heizt , lüftet und entfeuchtet bei Bedarf. Das Bad hat eine separate Duschkabine. Sollten wir einmal ohne Landstrom unsere Kaffeemaschine oder die Induktionskochplatte benutzen wollen, hilft unsere EcoFlow, mit eigenem Lithium-Akku und Wechselrichter, die wir alternativ auch mit der Solartasche aufladen können. Für uns ist das echte Freiheit und Entspannung, auch wenn „Puristen“ das nicht mehr als Camping ansehen. Sollen die eben mit der Schaufel in den Wald gehen, wenn sie auf den Topf müssen. Wir haben es gern komfortabel.