Luftwaffe
Der Auftrag war Abschreckung. Wer uns angreifen wollte, musste sich auf etwas gefasst machen. Jawoll! Wir waren so gefährlich, dass sich jahrzehntelang niemand getraut hat, uns auch nur zu bedrohen. Auch ich war fest davon überzeugt, dass wir niemals zum Aggressor werden würden. Ausbildung und persönliche Überzeugung! Hat ja auch ganz gut geklappt, oder?
Vom Zivilisten zum Kämpfer
Welche Farbe steht mir besser?
Trotz Senk-Knick-Spreizfuß und meines ausgeheilten Genickbruchs befand man seitens der Bundeswehr, dass man auf mich nicht verzichten könne. Also bekam ich einen Einberufungsbescheid zur Marine. Ich sollte mitten im zweiten Lehrjahr meinen Grundwehrdienst antreten. Wutschnaubend eilte ich mit dem Brief in der Hand von der Wohnung meiner Eltern über die Straße zur Stammdienststelle der Marine und stauchte den armen Pförtner zusammen. Der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Sache wurde dann auf Hauptbootsmannsebene zwischen meinem Vater und dem zuständigen Sachbearbeiter mühelos geklärt. Meine Einberufung wurde auf die Zeit nach meinem Lehrabschluss verschoben. Nachdem klar war, dass ich mich nicht drücken konnte, ging ich in die Offensive. Ich wollte die Zeit nicht vergeuden und wenigstens eine brauchbare Ausbildung und ein vernünftiges Gehalt bekommen. Also wollte ich mich als Zeitsoldat verpflichten und Offizier werden. Außerdem hatte ich vor, zu heiraten. Dazu passt ja nun überhaupt nicht, dass ein Offiziersanwärter bei der Marine viele Monate zur See fahren musste. Beim Heer wiederum gab es mehrere Ausbildungsorte für Offiziere. Ich wollte keine Standortlotterie spielen. Außerdem erschien mir diese Branche zu erdverbunden. Die Luftwaffe punktete durch das überzeugendere Angebot. Alle wichtigen Ausbildungsstellen befanden sich in Bayern, überwiegend im Großraum München.
Weichei und zittrige Hände
Nun war das nicht allein meine Entscheidung. Zunächst war ein dreitägiges Auswahlverfahren bei der Offizierbewerberprüfzentrale der Luftwaffe zu bestehen. Ich reiste also zu diesem Zweck nach Köln. Am zweiten Tag hatte einer der prüfenden Ärzte einen interessanten Fall, der ihn ganz aufgeregt werden ließ. Vor ihm stand ein dürrer junger Mann in Unterhose, dessen Körper mit roten Punkten übersät war. „Was ist denn mit Ihnen los? - Weiß nicht! - Haben Sie eine Allergie? - Weiß nicht! - Haben Sie Medikamente genommen? - Ja, Baycillin! - Warum nehmen Sie Penicillin? - Wegen meiner Mittelohrentzündung! - Waaas, Sie kommen mit einer Mittelohrentzündung zu solch einer Prüfung? - Na ja, ich dachte, Sie suchen keine Weicheier! Termin ist Termin!“ Kurz darauf saß ich wieder im Zug nach Hause. Dort holte mich meine damalige Verlobte mit meinem VW Käfer ab. Sie war recht verwundert, dass ich sie fahren ließ. Tatsächlich war mit mir nicht mehr viel anzufangen. Ich hatte einen Riesenbrummschädel, hohes Fieber und war fix und fertig. Einige Wochen danach reiste ich erneut nach Köln. Dies Mal ging alles glatt und ich nahm eine entscheidende Erkenntnis mit: Zigaretten sind nicht gut für die Fitness! Seit meinem vierzehnten Lebensjahr hatte ich regelmäßig geraucht, zuletzt locker 50 Zigaretten in einer Nachtschicht im Taxi. Gleichzeitig hatte ich meine sportliche Aktivität nach der Zwangspause wegen des Genickbruchs eingeschränkt. So bestand ich zwar den Physical Fitness Test mit Bravour, musste mich aber danach wegen totaler Erschöpfung übergeben und hatte noch fast zwei Stunden später zittrige Hände. Als 22jähriger! Das ging so nicht. Zwei Wochen später hatte ich einen leichten Schnupfen, die Zigarette schmeckte nicht und ich nutzte die Gelegenheit. Warf die letzten Zigaretten weg, verschenkte mein Feuerzeug und hörte auf. Für immer! Ohne Rückfall!
Flieger Wolff
Im April 1973 heiratete ich, im Juli rückte ich zur Grundausbildung ein. Zu dem Zweck fuhr ich mit meinem nagelneuen, orangefarbenen Renault R5 von Wilhelmshaven nach Roth bei Nürnberg. Falls es jemanden interessiert: Ich wog damals 69 Kilo. Nach dreimonatiger Grundausbildung im Hochsommer 1973 hatte ich mich dann auf 80 Kilo hochtrainiert. Ein Standardspruch unserer Ausbilder war „Ihr seid doch freiwillig hier! Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ja rüber zu den Wehrpflichtigen gehen!“ Etwas Ärger bekam mein Zugführer, ein gescheiterter Beinahe-Starfighter-Pilot, als einige Kameraden nach einem harten Tag im Gelände auf dem Rückweg bei hochsommerlichen Temperaturen im Laufschritt mit voller Ausrüstung, Stahlhelm und dickem Kampfanzug in praller Sonne zusammenbrachen und von Sanitätern aufgesammelt werden mussten. Heute käme das in die Tagesschau. Damals waren vielleicht die medizinischen Untersuchungen vor der Einstellung gründlicher. Wir waren nach derartiger Anstrengung einfach nur fix und fertig, aber nicht tot. Auch später, während der Offiziersschule in Neubiberg bei München, durfte ich meine physischen und psychischen Grenzen ausloten. Allerdings auf recht unterschiedliche Weise.
Überleben im Sauwald
Die Überlebensausbildung „Land“ im Dezember rund um den „Sauwald“ bei Schongau im Voralpenland war sehr anstrengend. Es war saukalt im Sauwald. Zuerst strenger Frost, dann Schneeregen und Wind. In einer Nacht legte ich meine Stiefel zum Trocknen in die Nähe des Feuers. Am Morgen hatte jemand das Feuer auseinander gezogen und einen glühenden Ast neben meine Stiefel gelegt. Die Stiefel waren auf Kindergröße geschrumpft und ich musste die restliche Zeit mit den Schnürschuhen mit Gamaschen (Timoschenkos) laufen. Bei knietiefem, nassem Schnee querfeldein, bergauf-bergab, wahrlich kein Vergnügen. Noch Wochen später hatte ich mit schmerzenden Achillessehnen zu tun. Zu essen gab es in dieser Woche insgesamt ein EPA (Ein-Mann-Tagespackung), ein lebendes Huhn, das man selbst im Wald einfangen und zubereiten musste, und eine Forelle, die man per Schlinge aus dem Bach fangen durfte. Das mit der Forelle ging ja noch. Das mit dem Huhn möchte ich nicht mehr tun müssen. In dieser Woche nahm ich 5 Kilo an Gewicht ab und mindestens ebensoviel an Gelassenheit zu.
Badeurlaub im Januar
Ganz anders geartet waren die Strapazen beim Überlebenstraining „See“. Dieses fand im Januar auf Sardinien statt. Am ersten Tag machten wir eine Besichtigungstour mit dem Bus und wurden gegen Abend auf einer Art Gehöft abgesetzt, wo eine Großfamilie uns für kleines Geld üppig bewirtete. Es gab Spaghetti, schwarze Oliven und unendlich viel selbstgemachten Wein, der immer wieder nachgeschenkt wurde. Am nächsten Morgen konnte ich alles neben meinem Bett auf dem Fußboden mühelos identifizieren. Ich hatte mir Essen und Wein in der Nacht noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Mann, war mir schlecht! Natürlich habe ich beim Aufbruch alles ordentlich gesäubert hinterlassen. Aber mir war sooo schlecht! Ich gehörte zur Vormittagscrew, die unmittelbar ins Feuchte durfte. Die Fliegerkombis waren unangenehm kalt und nass. Das Wasser hatte im Januar etwa 13 Grad. Bei kabbeliger See. Wir wurden mit kleinen Booten zu einem kleinen Ponton in der Bucht von Cagliari gebracht. Fester Boden unter den Füßen war etwas anderes! Jetzt kam auch noch die Seekrankheit dazu. Das war definitiv nicht mein Tag! Während die Ausbilder uns Rettungsmittel, Flöße, Schlauchboote und Notsignale erklärten, kümmerte ich mich immer wieder engagiert um die Versorgung der Fische. Welche Erholung waren dann die praktischen Übungen im kalten Wasser! Wasser war ja mein Element. Wir übten, bei unruhiger See aus dem Wasser in Schlauchboote und Rettungsinseln zu klettern. Besonders gut gefiel mir die Befreiung aus dem Fallschirmgurtzeug, während man hinter einem schnellen Boot hergezogen wurde. Action pur! Da kamen bei einigen Kameraden die bereitstehenden Helfer zum Einsatz, nachdem sie sich verheddert hatten und unter Wasser gezogen wurden. Für mich wurde es erst wieder schlimm, als ich aus dem Wasser steigen musste. Am Nachmittag versuchte ich, vorsichtig etwas Pizza zu essen. Diese und etwas Bier beruhigten meinen Magen für die Rückreise. Normalerweise dauerte der Flug über fünf Stunden, weil unsere Transall-Militärmaschine nicht über die neutralen Alpenstaaten fliegen durfte, sondern über den NATO-Staat Frankreich ausweichen musste. Die Transall ist nicht besonders komfortabel. Ein Unglück verkürzte die Reise: Der kleine Junge eines deutschen Soldaten, der in Decimomannu stationiert war, war aus dem Fenster gefallen und schwer verletzt. Er musste dringend nach München in eine Spezialklinik geflogen werden. Unsere Maschine stand bereit, um in die Richtung zu fliegen. Kurzerhand wurde unser Flug zum Rettungsflug deklariert und durfte nun direkt fliegen. Wir wurden zum Schweigen verdonnert, weil eigentlich keine Soldaten mitfliegen durften. Nach weniger als 3 Stunden landeten wir in Neubiberg bei München. Genau neben der Offiziersschule. Die Busfahrt von Penzing bei Landsberg, wo das Flugzeug stationiert war, hatten wir auch noch gespart. Wir erfuhren später, dass es dem Jungen wieder gut ging. Man kann eben auch mal Glück haben. Ich lernte in der Zeit nicht nur Fach- und Führungswissen. Es festigte sich auch die Erkenntnis, dass ein vermeintlicher sozialer Rückschritt sich auszahlen kann. Mit Eintritt in die Grundausbildung verdiente ich erheblich weniger als zuvor als Sparkassenangestellter, musste als verheirateter Mann in der Kaserne im Vierbett-Zimmer schlafen, mich von irgendwelchen Schwachköpfen drangsalieren lassen und allerlei Unbequemlichkeiten auf mich nehmen. 18 Monate später war ich Offizier, in der gleichen Besoldungsstufe, wie mein Vater bei seiner Pensionierung, hatte Anspruch auf ein Einzelzimmer und bei Dienstreisen mit der Bahn fuhr ich Erster Klasse.
Nachdem ich Grund- Offiziers- und Fachausbildung glücklich hinter mich gebracht hatte, durfte ich mich als 24jähriger Leutnant und Nachschuboffizier mit den Problemen der Ersatzteilversorgung für einige -zig Transportflugzeuge (eben besagte Transall) und Hubschrauber in einem Fliegerhorst (Penzing) mit über 3.000 Soldaten und Zivilisten beschäftigen. Dabei war ich verantwortlich für Materialbuch- und Lagerhaltung, Bestellwesen, Dokumentation, Betriebs- und Schmierstoffe, Waffen und Munition und, vertretungsweise, für Truppenküche, Annahme und Versand und die Kleiderkammer. Rund 100 Leute, überwiegend Zivilisten, taten so, als würden sie auf mein Kommando hören. Als mich mein Lagerleiter eines Tages ansprach, dass er wegen Platzmangels eine weitere Lagerhalle benötige, reagierte ich nicht so, wie er es erwartete. Einige Wochen später war das Lager so umorganisiert, dass die bestehenden Hallen viel freien Platz hatten, unter meinen Vorgängern verloren geglaubtes Material in Millionenwert wiedergefunden war und die tägliche Arbeit leichter und schneller vonstatten ging. Zum Ende meiner 4jährigen Dienstzeit fragte mein Vorgesetzter „Herr Wolff, lachen Sie nicht, ich muss Sie fragen, ob Sie Ihre Dienstzeit verlängern wollen!“ Ich lachte nicht und antwortete „Nein, Herr Hauptmann!“ Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass eine Hierarchie, bei der ich Vorgesetzte haben würde, die nur aufgrund ihres Alters und ihrer Dienstzeit vor meiner Nase saßen, nicht das Richtige für mich sein könne. Das war 1977. Ich habe übrigens noch heute Respekt vor meinem damaligen Staffelchef, von dem ich viel lernen konnte.
Noch einmal in die Fahrschule
Nach Abschluss meiner Ausbildung zum Nachschuboffizier war ich noch Fähnrich. Das entspricht etwa dem Feldwebel, ist aber noch kein Offiziersrang. Deshalb konnte ich den Job als Nachschuboffizier noch nicht ausüben, obwohl ich zu diesem Zweck schon nach Penzing versetzt war. Was kann man nun mit einem jungen Schnösel anfangen, der zwar (theoretisch) alles kann, aber nichts darf? Also wurde ich für alle möglichen Aushilfsarbeiten eingesetzt. So auch die Führung eines Munitionstransports, weil ein Teil unseres Vorrats von einem Depot in ein anderes verlegt werden sollte. Wir fuhren mit einem großem 15-Tonner Sattelzug, einem MAN 5-Tonner (Die Tonnage bezeichnet die Zuladung) und einem Unimog zum Munitionsdepot und ließen die Fahrzeuge beladen. Voll bis zur Bordwand, wie es für Munitionstransporte maximal zulässig war. Sprengstoff, Granaten, Thermitstäbe (Brandsätze). Als Leiter des Transports ging ich ins Büro, um den Papierkram zu regeln. Plötzlich kommt einer der Wachleute aufgeregt angerannt „Wem ist der Sattelzug? Der macht sich selbständig!“ Oh, nicht gut! Der Fahrer rennt raus, reißt die Tür auf und wirft sich auf die Pedale. Zum Glück stand der Unimog im Weg und bremste die Fuhre wirksam mit der Blechbremse. Mehr Papierkram! Nach der Rückkehr fragt mich mein Chef, warum ich die Bremse des Sattelzugs nicht kontrolliert hatte. „Ich weiß nichts über die Bremsen eines Sattelzugs.“ „Haben Sie etwa keinen LKW-Führerschein?“ Zack, fand ich mich auf einem 5-wöchigen Fahrlehrgang wieder. LKW mit Anhänger, Gelände usw. B-C-E - das ganze Paket außer Kettenfahrzeuge. Schöne Abwechslung und nützlich! Später als Leutnant oder gar als Zivilist brauchte ich den Schein nicht wirklich. Jedenfalls nicht, um LKW zu bewegen. Allerdings hatte ich als Vorgesetzter der Tankwagenfahrer die vornehme Aufgabe, die Prüfungen für den so genannten „Gefahrgutschein“ abzunehmen, der ab 1975 erstmals zur Pflicht wurde. Ich war also qualifiziert, die Qualifikation für eine Tätigkeit zu prüfen, für die ich selbst nicht qualifiziert war. So läuft das mit der Henne und dem Ei! Damals waren unsere Flugfeldtankwagen richtig urwüchsige Ungetüme. Schwere, geländegängige LKW mit aufgesetzen Tanks. Wir hatten Typen der Marken Faun und Magirus. Uralt. 10 Liter Hubraum, 110 PS, 10-Gang Kulissenschaltung. Alles ohne Servounterstützung. Mit meinen mickrigen 80 kg musste ich mich am Lenkrad festhalten und in die Rückenlehne stemmen, um überhaupt die Kupplung durchtreten zu können. Weil die Getriebe nicht synchronisiert waren, musste man zuerst kuppeln, um den Gang herauszunehmen, nun Zwischengas geben und dann erneut kuppeln, um den nächsten Gang einzulegen. Ein Job für echte Kerle! Während meiner Zeit in Penzing bekamen wir neue Flugfeldtankwagen. MAN, 320 PS, Servolenkung, servounterstützte Kupplung und Bremsen. Welche Wohltat! Mein Kollege, Oberleutnant K., und ich schnappten uns zwei von den Wagen für eine Probefahrt. Wie übermütige Kinder kurvten wir mit den Dingern durch das Tanklager, als ob wir im Autoscooter wären.
Motivation für Steuerzahler
Übrigens gab es im Zusammenhang mit Flugbenzin eine Absurdität, die mich in späteren Jahren immer wieder bewegte, wenn ich Steuern zahlen sollte: Flugbenzin ist ja steuerbegünstigt. Deshalb konnten unsere Flieger auf Kosten des Steuerzahlers kostengünstig fliegen. Fein! Wieder was gespart! Nun wurde aber nicht alles Flugzeugbenzin tatsächlich während eines Fluges verbraucht. Wenn ein Flugzeug repariert werden musste, oder aus anderen Gründen in die Halle ging, musste es enttankt, der Sprit abgelassen werden. Aus Sicherheitsgründen wurde dieses Benzin nun nicht wieder eingefüllt. Es wurde von der Fliegerhorstfeuerwehr zu Übungszwecken abgefackelt. Also nicht für Flugzwecke verwendet. Damit war der Steuervorteil verwirkt. Deshalb wurden die so zweckentfremdeten Mengen akribisch notiert, in Formulare eingetragen und an die Finanzverwaltung gemeldet. Diese konnte dann der Luftwaffe die unrechtmäßig erworbenen Steuervorteile ordnungsgemäß wieder belasten. In der Teileinheit POL (Petrol, Oil and Lubricans) wurden diese Formulare gesammelt und mir alle paar Monate zur Beglaubigung vorgelegt. Der Leiter dieser Teileinheit, ein Hauptfeldwebel, durfte das nicht. Da musste schon ein Offizier ran. Ich unterschrieb also regelmäßig Hunderte von Formularen, ohne jemals in der Lage gewesen zu sein, auch nur einen Bruchteil der Vorgänge wenigstens oberflächlich prüfen zu können. Immerhin ist mir dabei meine Unterschrift zu dem heutigen Gekrakel entgleist.
Es ist ja sehr begrüßenswert, wenn die Steuerverwender keine Steuerverschwender sind. Deshalb muss man ihnen sehr genau auf die Finger sehen. So eine Bundeswehreinheit bewegt ja erhebliche Werte, besonders ein fliegender Verband mit teuren Flugzeugen. Um das in den Griff zu bekommen, wird zunächst zwischen Verbrauchs- und Gebrauchsmaterial unterschieden. Im Vergleich zum Verbrauchsmaterial, dessen Verbrauch von vielen Faktoren abhängt, ist die Ausrüstung eher statisch. Da wird irgendwann eine Liste gemacht, was so benötigt wird und die steht dann fest. Weitgehend unabhängig von Entwicklung und Erfahrung. STAN - Stärke und Ausrüstungs Nachweisung - hieß diese Liste. Ganz wichtig: Nicht „Nachweis“, sondern „Nachweisung“! Die gab es für jede Einheit. Darin stand alles, vom Flugzeug bis zum Locher auf dem Schreibtisch. Ging solches Material kaputt, wurde das defekte Teil abgegeben und man bekam ein neues. Alles unter Kontrolle! Für die selbständige Ersatzbeschaffung gab es eine Wertgrenze von 40 DM. War das Teil teurer, musste die höher besoldete Einsicht hinzugezogen werden. Auch unterhalb dieser Grenze war die Anschaffung verboten, wenn das Material dauerhaft genutzt werden konnte und nicht in der STAN stand. „Kann ja jeder kommen!“ Nehmen wir ein Beispiel aus der Praxis: Unser Lagerbestand, den wir zu verwalten hatten, umfasste fast 20.000 verschiedene Artikel. Vom kompletten Flugzeug über Triebwerke, Autoersatzteile bis zum Kugelschreiber. Manche wurden einzeln geliefert und verwaltet, andere kamen in Verpackungen mit mehreren Einheiten. Zur Identifizierung bekam jedes Teil einen Materialanhänger mit den benötigten Informationen. Wenn also ein Karton mit 100 Stück Inhalt geliefert wurde, war daran ein Materialanhänger. Wurde dieser nun geöffnet und die Versorgungseinheit war nicht „Karton“, sondern „Stück“, so mussten Materialanhänger für 100 Stück geschrieben werden. Mit einer sehr betagten mechanischen Schreibmaschine. Vollbeschäftigung für mindestens einen Mitarbeiter. Gleichzeitig waren wir jedoch aufgefordert, wirtschaftlicher zu arbeiten und sogar Personal einzusparen. Wie sollte das mit diesen Steinzeitmethoden gelingen? Mein damaliger Chef, Hauptmann M., war sehr engagiert und bemühte sich redlich. Er nahm Kontakt zum Hersteller eines Systems (Scriptomatic) auf, bei dem Lochkarten mit einem Textfeld beschrieben werden konnten, von dem im Spiritusumdruckverfahren Texte auf Papier vervielfältigt werden konnten. Die Lochkarte war nicht nur als Datenträger für elektronische Datenverarbeitung geeignet, sondern auch als Matritze zur Vervielfältigung zu gebrauchen. Man konnte, nachdem man den Text einmal geschrieben hatte, etwa 100 Abzüge davon machen. Das Format der Lochkarte entsprach etwa dem unserer Materialanhänger. Zur Vervielfältigung befeuchtete man das „Zielpapier“ mit Spiritus, legte die Matritze darauf und drückte beides mit einer Walze zusammen. In der schlichtesten Form hatte man einfach einen Spritusbehälter mit einem Filzkissen, über das der Spiritus gleichmäßig abgegeben wurde. Dazu eine Walze. Problem: Das Ding kostete 110 DM und war damit für uns nicht erreichbar. Es hätte in der STAN stehen müssen. Andererseits durften wir Verbrauchsmaterial einkaufen. Lösung: Wir kauften 10.000 Lochkarten und der Vertreter schenkte uns dafür zwei dieser Einfachgeräte. Von Stund an war die Arbeit wesentlich effizienter. Das wiederum machte die Vorgesetzten misstrauisch und brachte meinem Chef mehr Tadel als Lob ein. Brauchen Sie als Steuerzahler mehr Motivation? Kein Problem:
Titelverwalter Wolff
Wenn der Bundestag den Verteidigungshaushalt beschließt, dann steht der Bundeswehr ein Haufen Geld zur Verfügung. Davon werden Gehälter bezahlt, Kasernen betrieben, Schiffe, Flugzeuge und Panzer gekauft. Und Bleistifte. Oder Klopapier. Damit nun nicht irgendein General das ganze Geld für, sagen wir mal Flugzeuge, verprasst und nichts für Klopapier übrig bleibt, wird der Geldhaufen in Häufchen aufgeteilt und entsprechend dem Verwendungszweck zugeteilt. Am unteren Ende der Hierarchie steht ein Titelverwalter, der eine bestimmte Art von Ausgaben zu verantworten hat und dafür ein Budget zugewiesen bekommt. Im Fall des Nachschuboffiziers Lt. Wolff war dies unter anderem der Titel für Büromaterial. Bei einem Verband mit über 3.000 Mitarbeitern und viel Bürokratie immerhin über 100.000 DM. Jährlich. Weil man ja zur Sparsamkeit verpflichtet war, musste um diesen Betrag Jahr für Jahr immer wieder gerungen werden. Als Beleg für den Bedarf wurde der Verbrauch des Vorjahres herangezogen. Die Qualität eines Titelverwalters wurde hingegen nicht nur daran gemessen, wie gut er seine Schützlinge mit dem benötigten Material versorgte, sondern auch daran, wie er seinen Titel verteidigte und möglichst erhöhte. Absolut kontraproduktiv für dieses Ziel war Sparsamkeit. Ganz schlimm war es, wenn am Jahresende noch Geld übrig war. „Aha, er hat das Geld nicht verbraucht, also gibt es künftig weniger!“ Derartiges Versagen beeinflusste die Beurteilung und damit die Karriere. So saß also nicht nur der arme Lt. Wolff vor Jahresende da und grübelte, was er möglichst sinnvoll noch kaufen könne. Etwas, das immer gebraucht würde und möglichst nicht verderblich war, weil man ja eigentlich zu viel einlagerte. Wahrscheinlich zehrt die Luftwaffe heute noch von Bleistiften und Heftklammern, die ich in den 70ern eingekauft habe. Herr Lohse wird mich verstehen. Tendenziell vergrößerte sich das Problem jedes Jahr. Was auf Vorrat angeschafft war, musste man im nächsten Jahr nicht mehr kaufen. Also blieb mehr Geld übrig. Ein Teufelskreis! Sparsamkeit kann teuer werden.