Der kleine Wolff

Der ganz kleine Wolff

Vater Wolff war sauer „Das sollte doch ein Junge werden! Jungen haben keine Locken!“ Mutter Wolff sah das anders. Der ganz kleine Wolff wurde nicht gefragt. 

Er wurde auch nicht gefragt, ob er überhaupt geboren werden wollte. Von Eltern, die genug damit zu tun hatten, über die Runden zu kommen. So konzentrieren sich die frühen Kindheitserinnerungen auf immer wieder andere Pflegefamilien. 

Absolute Höhepunkte der frühen Kindheit waren die häufigen und langen Aufenthalte bei den Großeltern in Birkenwerder bei Berlin. 

Endlich ein Junge!

Vater Wolff ist zufrieden. Der Knabe ist als solcher zu erkennen. So kann man ihn auch zur Schule schicken. Die Erzeuger sind mit ihrem Produkt zufrieden. Noch!

Der Junge entwickelt nämlich einige Eigenschaften, die ihn eindeutig als Jungen qualifizieren. Weil er nämlich immer wieder „der Neue“ ist, in verschiedenen Pflegefamilien und Schulen, lernt er, sich durchzusetzen. Wie macht man das als Junge? Klar, mit Körpereinsatz! Er ist, im Vergleich zu Gleichaltrigen, groß, kräftig und sportlich. Als „Stärkster in der Klasse“ erwirbt man des Respekt der Schulkameraden. Bei den Eltern und Lehrern kommt das weniger gut an. 

"Plier nicht so!“

Vater Wolff ist wieder sauer. Das kleine Wölffchen hat einen Schönheitsfehler: Er „pliert“. Das bedeutet, er kneift die Augen zusammen und hat zur Folge, dass diese „blöde Angewohnheit“ mit geeigneten pädagogischen Maßnahmen, Ohrfeigen, bekämpft wird. Eine Untersuchung durch den Schularzt bringt den Grund zu Tage und der Kleine wird Brillenträger. 

Auch ein weiterer Schönheitsfehler offenbart sich: Rollerfahren ist gefährlich. Intensiver Kontakt mit einer Schraubenmutter am Lenker zerbröselt die oberen Schneidezähne und schließt fortan die Lippen beim Lächeln. 

Action

Was soll man schon machen ohne Handy oder Computerspiele? So ein Sprung vom Mülltonnenhaus auf die Wäschestange und weiter auf den Zaunpfosten bietet reichlich Action. Besonders, wenn man einmal abrutscht und der Stacheldraht sich in den Oberschenkel verbeißt. Die Narbe sieht man heute noch. Ein Arzt hat sie nie gesehen. Rost? Na und? Auch Anwälte hatten damals bessere Gelegenheiten, ihr Können zu beweisen.

Spielplatz

Unsere Wohnung lag in unmittelbarer Nachbarschaft zu den alten U-Boot Bunkern in Wilhelmshaven. Englische Bomben im Krieg hatten sie nicht geschafft. Erst die Sprengungen danach. Unterwasserhöhlen und Verstecke unter den eingestürzten Decken. Der ideale Spielplatz. Streng verboten! Aber spannend. Hätte meine Mutter gewusst, was wir dort alles veranstaltet haben … Hier steht sie friedlich neben mir auf dem Dach eines versunkenen U-Boot-Bunkers.

Unser Team

Der kleine Harald mit seiner Oma. Das waren noch richtige Omas damals. Die Dame auf dem Bild war mehr als 10 Jahre jünger als ich heute. Meine liebe Monika ist heute älter als Oma jemals wurde und wirkt 30 Jahre jünger. Mindestens! Oma hat 2 Weltkriege überstanden, ihren Sohn im Krieg verloren, die Flucht überlebt und mir trotzdem Geborgenheit und Zuversicht gegeben. Das Bild entstand auf dem Balkon an der Brieseallee in Birkenwerder. Für mich einer der schönsten Plätze der Welt. 

Die Vorgeschichte

Was ist das für ein seltsamer Typ, der andere mit seinen Angelegenheiten belästigt. Ein armer Irrer? Ein Weltverbesserer? Oder vielleicht doch ein Mensch, der einfach nur versucht, die Welt und sich selbst zu verstehen. Ein Produkt seiner Gene, seiner Erziehung und seiner Erfahrungen. Um das zu verstehen, kann ein Blick in die Vergangenheit helfen. Nur ein paar Einblicke in Umstände und Situationen, die typisch oder prägend für den Schreiber waren. 


Meine Eltern

Mein Vater war Musiker, von Kriegserlebnissen traumatisiert, und in den 50er Jahren lange arbeitslos. Meine Mutter war direkt von der Schule zur Luftwaffenhelferin geworden und hatte keinen „richtigen“ Beruf gelernt. Mein Vater hatte durch den Krieg seinen Vater und seine kleine Schwester verloren, meine Mutter ihren großen Bruder. Das war in den frühen 50er Jahren alles noch ganz frisch und durchaus nicht ungewöhnlich. 


Genauer betrachtet verdanke ich meine Existenz einem Zufall, obwohl ich nach glaubwürdiger Aussage meiner Mutter ein Wunschkind war. Um das zu verstehen, muss ich in die Vorgeschichte gehen. Mein späterer Vater, Erich Wolff, wurde 1922, meine Mutter 1923 geboren. Er als Beamtensohn in eher schlichten Verhältnissen, sie als Tochter eines erfolgreichen Handwerkers und Geschäftsmanns. Er kam mit 14 Jahren von Frankfurt/Oder, Brandenburg, als Lehrling in die Stadtpfeife (eine historische Institution mit großer Tradition) nach Guben. So lebte er mit anderen Lehrlingen im Haushalt des Stadtpfeifers und lernte den Beruf des Musikers und damit auch, viele verschiedene Instrumente zu spielen. Meine künftige Mutter, Irmgard Meding, lebte in Memel, Ostpreußen, das behütete Leben einer „großbürgerlichen“ Tochter, besuchte das Lyzeum (etwa Realschule) und bewunderte ihren großen Bruder. Unter „normalen“ Umständen hätten sich meine Eltern nie kennengelernt. 


Vater Wolff
Nun gab es ja von politischer Seite große Pläne und einer der Schritte zur Weltherrschaft war die Rückholung des Memellands, 1939, das nach dem ersten Weltkrieg litauisch geworden war. Zur Verwirklichung dieser Pläne wurde mein Vater benötigt, der inzwischen, mit 17 Lenzen, fertiger Musiker war. Das Deutsche Reich zeigte Präsenz im erweiterten Staatsgebiet und das ging am besten mit Musik. Marschmusik. Mein Vater wurde als Musiker zur Marine eingezogen und kam so auch nach Memel. Er war ein stattlicher junger Bursche, nur zwei Zentimeter kürzer als sein späterer Sohn. Schlank und dunkelhaarig machte er in seiner Marineuniform Eindruck. Auch auf die kleine Irmgard, damals 16. Man traf sich gelegentlich und fand sich sympathisch. Das war es dann auch schon. Der Krieg verschärfte sich und aus dem Musiker Erich Wolff wurde als Sanitäter der Matrose Wolff, der die Eroberung Norwegens mitgestalten durfte. Dort machte er ebenfalls einen guten Eindruck auf die Damenwelt und ich bin sicher, einige genetische Übereinstimmungen mit damals entstandenen norwegischen Bürgern zu besitzen. Gegen Kriegsende boten die Engländer ihm eine Position als Kriegsgefangener an, die er nicht ausschlagen konnte. 


Mutter Wolff
Irmgard Meding wurde im Krieg als Luftwaffenhelferin benötigt und begleitete deutsche Jagdflieger auf ihren Einsätzen. Per Morsezeichen und auch per Sprechfunk. Sie erzählte später davon, wie sie letzte Worte und Todesschreie von Piloten anhören musste, die abgeschossen wurden. Sie wusste, dass ihr älterer Bruder, den sie sehr verehrt hatte, kurz vor Weihnachten 1942 als Transportflieger über Stalingrad abgeschossen worden und seitdem vermisst war. Die Nachricht war ihren Eltern damals am Heiligabend überbracht worden. „Für Führer und Vaterland …“. Mein Großvater hatte den Blockwart, der die Nachricht überbrachte, spontan niedergeschlagen und war einer Verhaftung nur entgangen, weil er als Handwerksmeister gebraucht wurde. Als die Rote Armee näher kam, musste Irmgard flüchten und machte sich in Uniform mit einem Koffer allein auf den Weg nach Westen. Sie sollte in Gotenhafen (vormals Gdingen, heute Gdynia) die Wilhelm Gustloff erreichen und mit ihr über die Ostsee Richtung Westen fliehen. Wegen der chaotischen Verhältnisse kam sie zu spät und verpasste die Wilhelm Gustloff, die auf der Überfahrt torpediert wurde und sank. Mit vielen tausend Opfern gilt der Untergang heute noch als eine der größten Schiffskatastrophen der Seefahrtsgeschichte. Irmgard Wolff wurde dann von einem anderen Lazarettschiff mitgenommen und erreichte Dänemark, von wo aus sie zu Fuß nach Lübeck gelangte und in ein Flüchtlingslager kam. Sie hatte keinerlei Kontakt zu ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Ruth, die Memel mit dem Flüchtlingstreck verlassen hatten.

Meine Eltern finden sich
Nach Kriegsende trennten sich die Briten von ihren Gästen und entließen den ungelernten Zivilisten Erich Wolff bei Lübeck in die unbekannte Freiheit. Da er aus Frankfurt/Oder stammte, hätte er sich nun dort melden sollen. Das erschien ihm weniger attraktiv, weil die Gegend von Russen besetzt war, die als unfreundlich gegenüber deutschen Ex-Soldaten galten. In Lübeck durfte er aber nur bleiben, wenn er dort Familie hatte. Hatte er aber (noch) nicht. Das war der richtige Moment für einen schicksalhaften Zufall. Der Krieg hatte viele Familien getrennt und Verwaltungen, Meldeämter und ähnliche Organisationen funktionierten noch nicht so recht. Das Rote Kreuz hatte einen Suchdienst gebildet, der noch über viele Jahre unzählige Menschen wieder zusammenbrachte. Überall gab es damals Wände und Tafeln, die mit abertausenden kleiner Zettel bespickt waren „Wo ist ...? Wer kennt ...? Ich suche ...? Ich vermisse ...“ Meist versehen mit weiteren Informationen zur Identifizierung und dem letzten bekannten Aufenthalt. Erich Wolff vermisste seine Eltern und, vor allem, seine kleine Schwester Lieselotte. 


Beide, Irmgard und Erich, suchten unabhängig voneinander nach ihren Familien, brachten Suchzettel an und studierten die vielen Suchanzeigen in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihren Angehörigen zu finden. So fand Erich per Zufall in Lübeck seine Jugendbekanntschaft aus Memel wieder. Details haben sie mir nicht erzählt, aber im Ergebnis beschlossen sie, zu heiraten, damit Erich in Lübeck bleiben konnte. Die folgenden Jahre waren zunächst vom Kampf um das nackte Überleben geprägt. Erich tingelte als Musiker mit dem Zirkus und Tanzkapellen durch das Land. Als Hilfsarbeiter war er mit seinen ungeschickten Händen nicht besonders erfolgreich. Er konnte nur Musik. Irmgard hatte keinen Beruf erlernt und arbeitete, wo immer sich eine Möglichkeit ergabt, unter anderem auch bei Niederegger Marzipan. Noch heute habe ich eine besondere Affinität zu diesem exquisiten Lebensmittel. Einer genetischen Grundeinstellung folgend, haben die Menschen in Kriegszeiten verstärkt das Bedürfnis, neue Soldaten zu produzieren und so wollte meine spätere Mutter unbedingt ein Kind. Mehrere Versuche gingen schief und sie dabei fast drauf. Gegen den dringenden ärztlichen Rat verführte sie Erich im Mai 1950 ein weiteres Mal und so kam es am 16. Februar 1951 im Südkrankenhaus in Lübeck zu dem folgenschweren Vorfall, der als meine Geburt registriert wurde. Die Sache war recht kompliziert und zog weitere Operationen zur Rettung meines und des Lebens meiner Mutter nach sich. Letztlich aber hatte sie ihren Dickkopf durchgesetzt und einen weiteren solchen erfolgreich in die Welt gesetzt, der das aber herzlich egal war. Meine Eltern lebten damals in einem möblierten Zimmer in der Wohnung einer alten Dame, in deren weitere Zimmer weitere Familien zwangseingewiesen waren. Zeitlebens sprachen meine Eltern mit großer Dankbarkeit über diese Frau, die nicht nur eine große Wohnung, sondern auch ein großes Herz hatte und ihnen sehr viel half. Ja, nun war ich zwar da, aber so recht viel konnte man mit mir nicht anfangen, da der Lebensunterhalt alles andere als gesichert war. So wurde ich schon früh jeweils monatelang nach Birkenwerder bei Berlin verfrachtet, wo meine Großeltern mittlerweile Fuß gefasst hatten. Dort lernte ich nicht nur sprechen, sondern erfuhr auch eine Erziehung, die auf Werten und Ansichten des 19. Jahrhunderts basierte. Bis nach dem Mauerbau verbrachte ich so gut wie jede Ferien in der damals im Westen so genannten „Sowjetischen Besatzungszone“. Einige Erlebnisse werde ich vielleicht noch berichten. 

Eltern Wolff

Mutter Wolff

Also, ich hätte mich für  die Dame interessiert, wenn ich ihr begegnet wäre. Bin ich dann ja auch, aber den Spaß hatte der Typ nebenan. 

Vater Wolff

Ich verstehe nicht viel von der männlichen Anziehungskraft, aber glaube den Gerüchten, dass sie bei meinem Vater funktioniert hat. 

Großeltern Wolff

Großmutter Wolff

Interessanterweise habe ich kein Bild von meiner „Oma Wolff“ mit meinem „Originalgroßvater“ gefunden. Hier ist sie zusammen mit ihrem zweiten Mann, Dr.Dr. Walter Vogel. Der war ein wirklich feiner Kerl. Sehr kultiviert und anständig. Er wurde als Fabrikantensohn nach dem Krieg jahrelang im Zuchthaus Bautzen eingesperrt und flüchtete nach seiner Entlassung mit meiner Oma nach Bonn. 

Großvater Wolff

Mein Vater zusammen mit seinem Vater. Letzterer war wohl ein echter Stinkstiefel. Parteimitglied … Es wurde kaum über ihn gesprochen. Er starb zum Ende des zweiten Weltkriegs , angeblich an einem Lungenschuss, im Lazarett in Sonthofen und ist dort auf dem Soldatenfriedhof begraben. Meine Oma trennte sich von ihm schon während des Krieges. Ich lernte ihn nie kennen. 

Großeltern Meding

Großmutter Meding

Meine Oma Luise Meding, geb. Lux, wurde am 27.8.1896 in Gedwangen, nahe Allenstein, Masuren, als Tochter eines Bäckers geboren. Trotz eines angeborenen Herzleidens hatte sie großen Spaß daran, bei Ausfahrten mit einer 6-spännigen Pferdekutsche selbst „am Zügel“ zu sein. Sie überstand zwei Weltkriege und die Flucht, verlor ihren Sohn und blieb immer „Dame“, etwas unnahbar, aber herzensgut und hilfsbereit. Sie starb in meinem heutigen Alter an ihrem Herzleiden. 

Großvater Meding

Am 13. Februar 1892 in Memel geboren „diente“ mein Opa schon vor dem ersten Weltkrieg als „Yorckscher Jäger“ und erlebte den ersten Weltkrieg dann als Unteroffizier in den Karpaten und an der Westfront. Während seines Dienstes in Masuren lernte er meine Großmutter kennen, die er nach dem Krieg heiratete. Er war ein sehr energischer, aber ruhiger Typ, über den ich noch einige Geschichten berichten will. 

Urgroßeltern

Urgroßmutter Meding

Meine Urgroßmutter Hulda Meding, geb. Haensch, Geburts- und Sterbedatum sind nicht bekannt. Sie war allerdings noch im Jahr 1926 als Eigentümerin des Hauses Marktstraße 42, das mit dem Haus Friedrichstr. 14/15 ein Eckhaus bildete, in Memel eingetragen. 

Urgroßvater Meding

Mein Urgroßvater Emil Arthur Meding wurde 1866 geboren und hinterließ meinem Großvater die Klempnerei als er  am 30.6.1922 starb.

Urgroßeltern Lux

Die Eltern meiner Großmutter sehen recht freundlich aus, aber mehr weiß ich darüber auch nicht. Interessant finde ich, dass der Name Licht (lat. Lux) der Name der besten Freunde meiner Großeltern war. So ein Zufall!