Lehrling

Der Auszubildende „Azubi“ wurde erst später erfunden. Es gab Lehrlinge, männlich und weiblich, keine Lehrling*innen. Alles ganz einfach. Sogar die Kleiderordnung. Er mit Sakko und Krawatte, Sie mit Rock und Bluse oder gleichwertigem Oberteil. Hose? Streng verboten für Frauen bei der Sparkassenarbeit. Das nebenstehende Foto entstand also in der Freizeit. 

„Lehrjahre sind keine …“

Klecksen und Kleben

Auch während meiner Sparkassenausbildung interessierte ich mich für Zusammenhänge und hinterfragte scheinbar klare Vorgänge. „Wieso fängt ein Bauträger ein neues Projekt an, wenn er doch schon die Wohnungen des aktuellen  Bauvorhabens nicht losbringt?“ Ich lernte auch in jeder Abteilung die Abläufe einer Bank. Vom Schalter bis zur Girozentrale oder Zentralbank usw. Damals galt in der Sparkassenorganisation die Regel, dass Überweisungen von mehr als 300 DM innerhalb von 3 Tagen beim Empfänger sein sollten. Lange vor SEPA. Um das zu erreichen, schickte man die Gutschriftsbelege, rot, direkt per Post an die Empfängersparkasse. So konnte der Betrag unmittelbar gutgeschrieben werden. Parallel wurde der Lastschriftbeleg, gelb, auf dem Giroweg, quasi rückwärts, gebucht. Zur Kontrolle gab es eine Liste, die ich eine Zeitlang in der Hauptbuchhaltung zu bearbeiten hatte. Weil es mit vielen Sparkassen regelmäßigen Austausch auf diesem Wege gab, hatten wir vorbereitete Briefumschläge mit den jeweiligen Adressen. Diese Briefumschläge zu beschriften, war eine der vornehmsten Aufgaben für Lehrlinge. In einem finsteren Kellerraum stand eine vorsintflutliche Stielow Adressiermaschine. Man legte dort Papprahmen ein, in die Wachspapier gespannt war. Auf dieses Wachspapier schrieb man zuvor die Adresse mit einer Schreibmaschine ohne Farbband. Die Adressiermaschine drückte dann schwarze Tinte mit einer Walze über das Papier. Dort, wo die Buchstaben eingestanzt waren, drückte die Tinte durch auf den Briefumschlag und fertig war das Wunderwerk. Mit zunehmender Verwendung einer Karte verlief die Schrift immer mehr und wurde unleserlich. Also musste eine neue Karte geschrieben werden. Insgesamt eine mühsame, eintönige und klecksintensive Angelegenheit. Als der Lehrling Wolff diese wunderbare Erfahrung gemacht hatte, dachte er nach und sprach mit einem der Programmierer. Ca. 4 Wochen später waren alle Adressen auf Lochkarten erfasst und wurden auf Etiketten gedruckt. Die Kellerkinder kamen ans Licht. Die erfahrenen Kollegen brachten viel Geduld mit mir auf und halfen mir, viele Dinge zu verstehen. Damals lernte ich das Basiswissen für jede kaufmännische Tätigkeit. So auch die Fehlersuche. Das war in meinem späteren Leben immer wieder wichtig. 


Revoluzzer Wolff

Wenn man sich engagiert, wird man gern von anderen Menschen auserwählt, für sie den Kopf hinzuhalten. So wählten mich die Lehrlinge der Sparkasse zu ihrem Sprecher. Schon damals lernte ich, dass so etwas nicht nur eine Ehre ist. Ich verstand die Aufgabe nämlich nicht nur so, dass ich die Wünsche des Lehrherren an die Lehrlinge weiterzugeben hätte, sondern sah mich auch als Interessenvertreter. Eines Tages schlenderte ich in meiner Mittagspause durch die Fußgängerzone in der Nähe der Sparkassenzentrale. Dort traf ich einen weiblichen Mitlehrling, vollbepackt mit Einkaufstaschen und tränenüberströmt. Das weckte mein Interesse und ich fragte sie, was passiert sei. Das war der Beginn einer kleinen Revolution. Sie erzählte mir, dass sie derzeit in der Giroabteilung eingesetzt sei. Dort gab es eine Anzahl von „Datentypistinnen“, die die täglich anfallenden Belege zur teilweise elektronischen Weiterverarbeitung auf Listen und Lochstreifen übertrugen. Die Arbeitszeiten in unserer Sparkasse gingen damals von 08:00 bis 13:00 Uhr und von 15:00 bis 18:00 Uhr. Nur die Damen in der Giroabteilung hatten andere Zeiten. Durchgehend von 07:00 bis 14:00 Uhr. Ein kleiner Imbiss wurde neben der Arbeit genommen. Es hatte sich eingebürgert, dass der jeweilige Lehrling diesen für die Kolleginnen mitbrachte, wenn er oder sie sich selbst etwas holte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese kleine Gefälligkeit unter Kollegen dahin, dass die Lehrlinge die gesamten Haushaltseinkäufe für die Damen erledigen sollten. Die Ansprüche gingen so weit, dass wegen der Menge und regelmäßiger Umtausche für Fehlkäufe, mehrere Gänge am Tag nötig waren. Wie an dem Tag, an dem ich meine Kollegin traf. Der Zufall wollte es, dass ich wenige Tage später selbst als Lehrling in die Abteilung kam. Gegen Mittag kam eine der Damen zu mir und es entspann sich etwa folgender Dialog: „Herr Wolff, wir haben Hunger! - Oh, das ist bedauerlich, dann sollten Sie etwas essen. - Wir haben aber nichts, Sie müssen etwas mitbringen. - Kann ich nicht, weil ich nicht einkaufen gehe. Ich habe mir etwas von zuhause mitgebracht. - Wir haben nichts mitgebracht und können während der Arbeitszeit nicht einkaufen gehen. - Das ist nicht klug von Ihnen. Sie haben jeden Tag um 14:00 Uhr Feierabend. Mit etwas Planung müssen Sie nicht hungern. - Dann müssen Sie eben einfach so für uns Einkaufen gehen. - Nee, muss ich nicht. Ich bringe ihnen gern einen Imbiss mit, wenn ich mir etwas holen sollte. Aber Ihre Waschmittel usw. können Sie künftig gern selbst einkaufen.“ So richtig harmonisch wurde das nicht. Folglich bat ich um ein Gespräch mit dem Vorstand und stellte dort eine ganz einfache Frage: „Geschieht es im Auftrag der Sparkasse, wenn die Lehrlinge einkaufen, ist das Arbeitszeit und versichert?“ Die Antwort war ein klares „Nein!“. Damit war die „Tradition“ beendet. Bei den Lehrlingen kam das gut an. In meiner Beurteilung aus dieser Abteilung konnte ich später lesen, dass ich „wenig hilfsbereit“ sei.