Verwandtschaft
Opa Meding
Wie erwähnt war mein Opa Meding ein eher ruhiger Typ. Neben dem, was ich aus erster Hand von ihm erfuhr, erzählte mir meine Mutter einiges über ihn. In seinen mittleren Jahren war er ein sehr stattlicher Mann, erfolgreicher Handwerksmeister und Kaufmann, Mitglied und Vorstand mehrerer Sportvereine. Er hatte eine Bauklempnerei und ein Porzellangeschäft (oder Lampengeschäft, oder was? So ganz klar waren die Erinnerungen meiner Mutter wohl auch nicht. Sie erwähnte aber ausdrücklich Sanitärporzellan von Villeroy&Boch.), das meine Oma beaufsichtigte. Die Familie bewohnte ein typisches Stadthaus im Zentrum von Memel, das nach dem Tod meines Urgroßvaters meiner Urgroßmutter, Hulda Meding, gehörte. Im Vorderhaus gab es im Erdgeschoss das Geschäft, im ersten Stock gab es die Wohnung mit „Herrenzimmer“, Wohnzimmer, Küche, Esszimmer. Darüber, im 2, Stock die Schlafzimmer und Kinderzimmer. Die Hausangestellten, Köchin, Kindermädchen und Hausmädchen hatten ihre Unterkünfte im 3. Stock. Durch einen Innenhof ging es zum Rückgebäude mit der Werkstatt im Erdgeschoss und den Unterkünften der Lehrlinge und Gesellen darüber. Eines Tages brach mein Opa im Herrenzimmer zusammen, spuckte Blut und wurde glücklicherweise aufgrund der verursachten Geräusche gefunden und gerettet. Er hatte einen Magendurchbruch erlitten. Sobald er transportfähig war, wurde er nach Wien gebracht, wo man ihm drei Viertel seines Magens entfernte. Seitdem konnte er nur kleine Portionen essen und brauchte immer wieder kleine Imbisse. Auf seinem Nachttisch stand immer ein Teller mit Keksen. Damals wurde er zu dem hageren Mann den ich kannte. Die Familie gehörte zu den ersten in Memel mit einem Telefon. An der Wand, mit Kurbel, einem Sprechtrichter und einer Hörmuschel an einer Schnur. Telefonnummer 435. Die Eingliederung des Memellandes im Jahr 1923 in Litauen war für die Deutschen in Memel recht schwierig. Sie fühlten sich benachteiligt und schikaniert, waren plötzlich Ausländer in der eigenen Heimat und der ihrer Vorfahren. Mussten eine Fremdsprache als Amtssprache lernen und die Kinder benötigten Nachhilfeunterricht, um in der Schule zu bestehen. Obwohl mein Großvater alles andere als ein Anhänger der deutschen Regierung war, begrüßte natürlich auch er die Rückholung ins Reich 1939. Heute ist es schwer, zu verstehen, was es damals hieß, stolz auf die eigene Nationalität zu sein. Das hat mit den heutigen Dumpfbacken, die das von sich behaupten, wenig zu tun.
Im „real existierenden Sozialismus“
Nach der Vertreibung und Flucht ließen sich meine Großeltern in Birkenwerder bei Berlin nieder, wo Opa eine kleine Klempnerwerkstatt betrieb, Kochtöpfe lötete und jegliche Metallreparaturen und Klempnerarbeiten anbot. Für die Bonzen der 1949 neugegründeten DDR war er damit ein Kapitalist und wurde erneut enteignet. Danach inspizierte er die Rohrleitungssysteme usw. der Fernheizung in den riesigen Wohnanlagen in Ostberlin. Er verließ früh das Haus, fuhr mit der S-Bahn nach Berlin und verbrachte fast den ganzen Tag in den unendlichen Kellern, wo er Rohre überprüfte, Ventile bewegte, Manometer ablas und, wenn nötig, Reparaturen veranlasste. Er nahm mich einmal mit auf die Tour und der sportliche Harald war am Abend fix und fertig, völlig erschöpft. Da man von der mickrigen Rente nicht leben konnte, arbeitete er bis zum 75. Lebensjahr. Dann war er dem Sozialismus im „Arbeiter und Bauernstaat“ nicht mehr nützlich und meine Großeltern durften in den Westen ausreisen, wo er dann eine kleine Rente und einen „Lastenausgleich“ für die Vermögenswerte bekam, die er bei der Vertreibung aus Memel, Ostpreußen, verloren hatte.
Zu seinem neunzigsten Geburtstag besuchten Monika und ich ihn in seiner kleinen Wohnung. Bei einem Glas Portwein wurde er plötzlich gesprächig, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Wie erwähnt, war er ja als Soldat im ersten Weltkrieg bei den „Yorckschen Jägern“ gewesen. Einer sehr traditionsreichen Truppe, die in Ortelsburg, Ostpreussen, beheimatet war. Heute würde man sie als Elitetruppe bezeichnen. Zeitlebens konnte man ihm eine Freude machen, wenn man ihm den Yorckschen Marsch vorspielte (https://youtu.be/O3mRyvZQzxo?si=OvtNA_VMezqibcGA).
In den Karpaten
Er erzählte in knappen Worten, wie er einmal in den rumänischen Karpaten den Auftrag bekam, mit seinem Spähtrupp herauszufinden, ob sich feindliche Kräfte in der Nähe befanden. Nach seiner Rückkehr wartete der Hauptmann auf seinen Bericht. Er aber war mit seinen Leuten Schlafen gegangen. Der Hauptmann stellte ihn etwas verärgert am nächsten Morgen zur Rede: „Meding, warum haben Sie keine Meldung gemacht? Wenn Sie Feindberührung hatten, müssen wir das hier doch wissen, um den Feind zu bekämpfen!“ Mein Opa war, wie gesagt, nicht sehr geschwätzig: „Wir haben Feinde entdeckt, aber die gibt es jetzt nicht mehr. Deshalb musste ich Sie doch nicht wecken.“
Heimfahrt im gekaperten Zug
Das Kriegsende erlebte er in einem Lazarett in oder bei Sonthofen (wo der Vater meines Vaters später im zweiten Weltkrieg starb). Er war dort wegen einer kriegsbedingten Unpässlichkeit behandelt worden und mittlerweile genesen. Nun saß er im äußersten Südwesten des zerschlagenen Reiches fest und wollte nach Hause in den äußersten Nordosten, nach Memel. Sämtliche Organisation war zusammengebrochen, es herrschte Chaos. Als Ostpreusse hatte er im tiefsten Bayern (Sonthofen ist die südlichste Stadt Deutschlands, seine Heimatstadt Memel war damals die nördlichste Stadt Deutschlands) wenig Sympathien, zumal der erfolglose Kaiser, auch preußischer König, in die Niederlande geflüchtet war. Einfach eine Bahnfahrkarte lösen oder ein Taxi nehmen, war nicht möglich. Zu Fuß war das eine seeehr lange Strecke. Er tat sich mit einem Marinesoldaten zusammen, der ebenfalls in dieser Situation war und in seine Heimatstadt Königsberg wollte. Beide tatkräftig und kriegserfahren. Am Bahnhof fanden sie eine betriebsbereite Dampflokomotive nebst Lokführer und Heizer. Auf einem Tender war ein Maschinengewehr montiert. Sie kaperten den Zug und zwangen die beiden zur Fahrt, indem sie das MG auf die Lok richteten. Wenn sie unterwegs auf ein Stellwerk trafen, richteten sie die Waffe darauf und überzeugten die Bahnleute davon, die Weichen in ihrem Sinne zu stellen oder taten es selbst. Auf die gleiche Art bekamen sie Kohle und Wasser für den Betrieb der Dampfmaschine. So kamen sie tatsächlich bis Königsberg. Dort trennten sie sich und mein Opa ging zu Fuß weiter nach Memel zu seiner Familie. Er lächelte verschmitzt, als er uns davon erzählte. Er habe diese Geschichten noch nie erzählt, jetzt könne man ihn wohl nicht mehr belangen.
Ich glaube diese Geschichten, weil mein Opa noch niemals durch Prahlerei oder großes Getue aufgefallen war. Außerdem war er obenrum mit 90 noch topfit, wie die folgende Geschichte zeigt.
Verantwortung als Meister und Lehrherr
Zu seinem neunzigsten Geburtstag erschien im „Memeler Dampfboot“, der Heimatzeitung der Vertriebenen aus Memel, ein Artikel mit einer Würdigung und einem Bild von ihm. Kurz darauf meldete sich einer seiner früheren Lehrlinge bei ihm. Er benötige für seine Rente einen Nachweis über die Ausbildungs- und Arbeitszeit in der Klempnerei meines Opas. Der freute sich sehr, von ihm zu hören, konnte sich an jedes Detail erinnern und bescheinigte ihm die gewünschten Zeiten mit allen Daten. Handschriftlich mit seiner gestochen akkuraten Handschrift. Er war eben durch und durch Geschäftsmann und nahm seine gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst. Bis zu seinem Tod ging er nicht ohne Anzug und Krawatte in die Öffentlichkeit. Das äußerst emotionale Dankschreiben des nunmehr Rentners erfreute meinen Opa sehr.
Sturz und Tod
Nach dem Tod meiner Oma lebte mein Opa allein in der kleinen Genossenschaftswohnung in Wilhelmshaven. Meine Mutter brachte ihm regelmäßig sein Essen. Am Wochenende aß er bei meinen Eltern. Er selbst war in der Küche nicht so begabt. Eines Tages wollte er, der Gemüseverächter, sich Bohnen kochen. Er hatte ein Glas mit appetitlich aussehenden Bohnen gekauft. Es konnte ja nicht so schwer sein, diese aufzuwärmen. Also rein in den Topf und heiß gemacht. Und wie heiß! Das Gemüse sah tatsächlich aus wie Bohnen, aber es waren Pepperoni. Der herzhafte Biss ins Gemüse hatte heftige Atemnot zur Folge und machte dem alten Mann ziemlich zu schaffen. Nein, Kochen war nicht sein Ding. Er ließ es dann endgültig sein. Neben meiner Mutter gab es eine fürsorgliche Nachbarin, die ihn gelegentlich auf einen Kaffee besuchte. Eines Tages klingelte sie bei ihm und er beeilte sich, zur Tür zu kommen. Dabei stolperte er im Flur über einen Teppich und stürzte. Oberschenkelhals gebrochen. Damals ein Todesurteil. Nach monatelangen Qualen starb Ernst Meding mit 92 Jahren
Tante Anni
Mein Großvater hatte eine kleine Schwester, Anna Marta Hulda Meding, die am 7.4.1893 geboren war. Er nannte sie immer „meine Anna“, ich kannte sie als Tante Anni. Am 16.8.1918 heiratete sie den „Bankier“ Ernst Heinrich Julius Brückner, der am 6.8.1886 in Tapiau, nahe Königsberg, geboren war. Der Eintrag ihrer Hochzeit beim Standesamt weist ihren Beruf als „Kaufmannstochter“ aus. Nun war sie Kaufmannsehefrau. Mit ihm wanderte sie nach Brasilien aus, wo sie erst in Rio de Janeiro, später in Sao Paulo eine Farbenfabrik betrieben. Im Krieg hielt er es für seine Pflicht, als Reserveoffizier in die Heimat zurückzukehren. Nachdem er für den Fronteinsatz zu alt war, wurde er mit organisatorischen Aufgaben, z.B. als Luftschutzhelfer, betraut. In den letzten Kriegstagen wurde er bei Aufräumungsarbeiten von einer russischen Patrouille aufgegriffen und nie wieder gesehen. Am 30. August 1951 wurde er offiziell für tot erklärt. Tante Anni lebte fortan als Witwe. Ich fand sie sehr lebenslustig. Eine richtige alte Dame, klein, zierlich, kultiviert, immer elegant mit blauen bis lila Haaren. Für mich der Inbegriff der großen, weiten Welt. Mit einem großen Freundeskreis, Bridge- und Canasta-Abenden. Mit ihren Freunden in Brasilien hatte Sie bis ins hohe Alter regen Kontakt. Sie war etwa 85 Jahre alt, als ich Sie von München aus in Bad Tölz besuchte, wo sie zur Kur weilte. Dabei erzählte sie mir voller Vorfreude, dass sie nach Brasilien reisen würde, um ihrer Freunde und deren Kinder und Enkel zu treffen. Später, nach ihrer Rückkehr war sie ganz begeistert von der herzlichen Aufnahme und der schönen Zeit.
Sie lebte in einer Wohnung in Berlin, die mich sehr beeindruckte. Die Wohnung war für meine Begriffe riesig, mit hohen Stuckdecken und gewaltigen Möbeln. Besonders beeindruckten mich die riesigen Ölgemälde, die ihr Mann gemalt hatte. Schnee- und Herbstlandschaften, Heidelandschaften, der ostpreußische Elch durfte nicht fehlen. Die Wohnung hatte eine weitere Besonderheit, einen Raum, den niemand betreten durfte. Es fehlte nämlich eine Außenwand, ganz oder teilweise. Jedenfalls, blickte ich, als ich einmal hineinsehen durfte, direkt ins Freie. In den letzten Kriegstagen war eine Bombe hindurchgerauscht, ein Blindgänger, der nicht explodierte und später entschärft wurde. In den 50er Jahren gab es noch viel aufzuräumen und zu reparieren. Sie zog dann in eine ähnliche Wohnung vom Vorder- ins Rückgebäude desselben Anwesens.
Kurz von ihrem Tod übergab sie mir mit verschwörerischer Miene einen uralten Briefumschlag. Darin waren 10 druckfrische 1000-Reichsmark Noten. „Damit Du etwas hast, wenn ich nicht mehr bin, Annchen!“ Diese Worte Ihres Mannes als er ihr den Umschlag übergab, zitierte sie. Damals war es ein Vermögen. Nun hatte es allenfalls Sammlerwert. Sie hatte es nie angerührt.