Der alte Wolff
... ist schon lange grau. Immerhin sieht man die Haarfarbe auf dem Kopf noch. Auch darunter ist die Erosion bisher noch nicht zu weit fortgeschritten. Trotzdem findet der alte Wolff die Idee nicht schlecht, die verbliebenen Erinnerungen und Gedanken zu konservieren, bevor sie verloren gehen. Dann kann er später immer mal nachsehen, wie es mal war und was ihn geprägt hat. Einfach zum Selbstzweck. Zum eigenen Vergnügen. Interessiert sich sonst jemand? Herzlich willkommen!
Unterschätzte Vergangenheit
Worüber soll man sprechen, wenn es um das eigene Leben geht? Um autobiografische Betrachtungen? Eben über das, was man erlebt, gesehen, erfahren hat. Zukunft kann man planen, hoffen, träumen. Gegenwart findet gerade statt und ist erst eine Nachricht, wenn sie stattgefunden hat. Also ist jede Nachricht ein Bild der Vergangenheit. Der Unterschied liegt im Abstand zu heute.
„Wir leben nicht in der Vergangenheit!“ - „Lass die Vergangenheit ruhen!“ - „Die Gegenwart zählt!“ - „Wir können nur noch die Zukunft gestalten!“ Das alles ist richtig. Wir können weder zurückgehen, um gute Erfahrungen zu wiederholen, noch um schlechte Erlebnisse im Nachhinein zu korrigieren. Trotzdem wären wir ohne unsere Vergangenheit schlicht nicht existent. Unsere heutige Persönlichkeit ist die Summe der Erfahrungen aus der Vergangenheit und der Verarbeitung dieser Erfahrungen entsprechend unserer genetischen Ausstattung und den äußeren Umständen. Wenn wir uns also heute mit der Vergangenheit beschäftigen, dann ist das nicht unbedingt ein wehmütiges Zurücksehnen, sondern durchaus eine Stärkung zur Bewältigung zukünftiger Herausforderungen. Historiker und Archäologen puzzeln mühsam aus Fundstücken und verschiedenen Quellen das Bild vergangener Zeiten zusammen. Schon Ereignisse, die nur wenige Generationen zurückliegen, versinken im Dunkel, weil es keine Zeitzeugen mehr gibt und viele „normale“ Begebenheiten nicht dokumentiert wurden. Wir leben heute im 21. Jahrhundert, das bereits über zwei Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Ich wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts geboren und hatte Kontakt mit Menschen, die im 19. Jahrhundert geboren und aus dieser Zeit geprägt wurden. Mein Großvater, mit dem ich viel Zeit verbrachte, wurde 1892 geboren. Er erzählte mir von seinen Erlebnissen, zuletzt an seinem neunzigsten Geburtstag. Erlebnisse aus der Kaiserzeit und der Zeit des ersten Weltkriegs. Ich kann diese jetzt im 21. Jahrhundert weitergeben. Mehr als 100 Jahre nach seinen Erlebnissen. Authentisch und ohne politische Einflussnahme. Das alles ist nicht weltbewegend und erhebt weder Anspruch auf literarische noch auf historische Bedeutung. Wer sich interessiert, kann vielleicht trotzdem einige Bausteine zu seinem eigenen Gesamtbild entnehmen.
Für den kleinen Wolff gab es einige Reizthemen, die automatisch das Gegenteil vom erhofften Ergebnis brachten. Dazu gehörten Sätze wie „Komm Du mal in mein Alter!“, „Früher war alles besser!“ Diese führten selten zu innerer Einkehr, sondern bewirkten Widerstand und häufig konträres Verhalten. So wurde der kleine Wolff durch die häufige Aufforderung, sein Zimmer aufzuräumen, lebenslang an einem ordentlichen Schreibtisch gehindert. Heute noch löst die Ermahnung „Trink nicht so viel!“ einen unbändigen Durst aus, während das selbst erkannte Gefühl, es könnte der Fitness guttun, monatelange völlige Abstinenz zur Folge haben kann. Aus eigenem Antrieb! Deshalb soll keine der in der Folge geschilderten Erfahrungen als ungebetener Rat oder gar Ermahnung verstanden werden. Nein, der alte Wolff will kein Besserwisser sein, obwohl ...